Ich will gar nicht wissen, wie viel schlechter ich jetzt im Vergleich zu meinem „Vor-Corona-Ich“ sehe. Ehrlich gesagt: Ich wusste gar nicht, ahnte nur, wie schlecht ich noch im letzten Jahr sah. Den Führerschein-Sehtest, Hauptsache, gerade so bestanden. Vieles ist einfach zu nah dran oder zu weit weg, als dass ich es sehen könnte.
Jetzt habe ich viereckige Augen im Bildschirmseitenverhältnis. Kann ich meine Sehkraft steigern, wenn ich mir einen größeren Bildschirm besorge? Das Blickfeld weiten? Sehe ich dann mehr oder weiter? Aber manchmal will man ja auch gar nicht alles sehen. Was man nicht sieht, macht weniger Probleme. Zeitweise zumindest. Leider kommt das Visuelle meistens doch irgendwann wieder um die Ecke. Und dann kommt es auch zu den Ohren und zur Nase rein, wenn man sich versucht, die Augen zuzuhalten.
Verena Macks Illustrationen scheinen hintersinnig darauf anzuspielen, dass wir in digitalen Räumen zwar häufig suggeriert bekommen, uns in unterschiedlichen Versionen unserer Selbst auszuprobieren, ein Ich gewissermaßen zu vervollständigen, aufzupolstern mit Layern und Schichten eines stetig im Wandel befindlichen Bildes, das wir nach außen transportieren (wollen). Doch werden wir tatsächlich numerisch zerlegt in Einzelaspekte, vergleichbar gemacht durch ein algorithmisches Herauspräparieren unserer Vorlieben, Interessen und Eigenschaften in kleinstmögliche Partikel, die anschließend neu zu Identitäts- und Konsumangeboten kombiniert werden können. Diese pessimistische Analyse ist nicht neu, aber auch nicht falsch. Die mediale Selbstauflösung – wie etwa auch bei Mack angedeutet – geht unseren Selbstfindungsprozessen voraus: Zerlegung, Zerteilung, Zerstäubung – und wer sammelt das Ganze wieder ein?
Das Zurückgeworfensein auf sich selbst und auf die Unzulänglichkeiten der eigenen Wahrnehmungsorgane, die so oft doch allzu eingeschränkt, kurzsichtig, linkisch in der Motorik und ungeschickt im Fokussieren erscheinen, findet sich auf formal zurückhaltende Weise auch in Svetlana Mijics Video- und Fotoarbeiten: Gefundenes Material aus Überwachungskameras, welche auf den immer gleichen Platz einer italienischen, im Ausschnitt aber gänzlich anonym, un- oder überörtlich gewordenen Stadt gerichtet sind. Was wiedererkennbar ist, sind teils die Menschen, die Tag für Tag unter den Argusaugen der Kamera passieren. Wiederkehrende Rhythmen des Alltags: Jemand läuft ins Bild und wieder hinaus; kreisende Bewegungen um Plätze im buchstäblichen, um die Erfahrungen des Lockdowns während der Pandemie im auf unsere gedankliche Reflexion übertragenen Sinne. Betrachtung beginnt zur voyeuristischen Observierung zu werden.
Als blicke man aus dem Fenster – nur, dass man in ein Fenster blickt. Anders als beim alltäglichen Blick aus dem Fenster unserer Wohnung können wir den Blick hier nicht selbst ausrichten. Wir können nicht heranzoomen, das Fenster öffnen, näher hinschauen, den Passanten gar etwas zurufen, ihre Wege bis zum Ende der Straße verfolgen, sie, in der Art des Flâneurs vielleicht, nach Verlassen unseres Zimmers, selbst ein Stück weit verfolgen, ihnen nachgehen bis zum Main, bis in den Supermarkt. Die Distanz ist vorgegeben.
Ein Auto hält für eine Taube. Hinter ihm hupt es. Die Taube eilt sich nicht, während sie sich gemächlich ihren Weg zum Getränkemarkt bahnt. (Der übrigens geschlossen ist, aber das stört sie nicht.) Ich sinniere über die Semi-Transparenz meiner Saftschorle. Viele Vitamine sollen drin sein. Müde bin ich trotzdem. Ich sende ein Emoji, das einen ausgeknockten Vogel zeigt, an irgendwen aus meiner Kontaktliste. Schaue wieder in das Fenster, das auf meinem Schreibtisch steht. Ganz schön hell, da drinnen.
In Verena Macks Darstellung des Blicks in den Screen deuten sich Verwicklungen und Involvierungen in eine um das Ich kreisende Geschichte aus Postings, Push-Nachrichten und Produkten an. In Svetlana Mijics Arbeiten weiche diese einer Atmosphäre der Isolation und der Verweigerung des Bildes, sich unmittelbar konkret für unsere persönlichen privaten Anknüpfungen zu öffnen. Trotzdem scheinen die beiden Arbeiten verschiedene Seiten derselben Situation zu zeigen: einer Situation, in der es kracht und knackt beim Versuch, den Kopf zu drehen und die Gelenke zu lockern, weil wir viel zu lange schon in der gleichen Position sitzend verharrt sind; in der wir eigentlich die Voreinstellungen ändern müssten, was jedoch schwierig ist, wenn ein „hybrider“ Austausch zwischen digitalen und analogen Räumen immer stärker zusammenzurrt auf eine Vorsilbe, die nur aus einem Buchstaben besteht: „E-“. E-Learning, E-Meeting, E-Sports – all das klingt zeitgemäß, beschwingt, dynamisch. Doch tatsächlich kann die „E-Zeit“ auch ziemlich zäh erfahren werden.
Die Minuten und Stunden sind seltsam gestaucht und gedehnt, alles scheint länger zu dauern in Zeiten von Videocalls und Telefonkonferenzen. Trotzdem geht die Zeit in digitaler Taktung schneller vorbei. Und die Räume werden enger. Alles scheint feste Rahmen zu bekommen, Time-Frames, Slots und Abstandshalter. Trotzdem läuft ständig alles aus dem Ruder – was beschwerst du dich? Du bist doch eh zu Hause online!? Kannst dich ja zwischendurch mal dazu schalten.
Kurz nach dem Meeting ist immer kurz vor dem Meeting. Und das heißt, man ist fast immer eigentlich schon zu spät: lange Übertragungszeiten bewirken, dass immer jemand ungewollt dem anderen ins Wort fällt; Phänomene des Einfrierens erschweren zusätzlich einen flüssigen Fortgang der Diskussionen und Besprechungen; stillgestellt in Stimme und Bewegung wird, wem die Bandbreite fehlt.
Hallo? Bei wem läuft hier die Telenovela? Excuse me, I got up at 5 am in Alaska, and we’re discussing for more than three hours now. Man sieht dich nicht, die Kamera ist gegen das Licht. Kann jemand den öffentlichen Chat freischalten? Die Verzögerung fällt mir ins Wort, mit einem Klick werde ich stumm im Aquarium der Bildschirmaufnahmen. Selbst im virtuellen Setzkasten.
Digitale Welten zeigen sich kaum als unbegrenzte Weite, sondern werden vermittelt durch Algorithmen und durch Bildschirmformate (und ehrlich gesagt würde sich sonst niemand auch zurechtfinden, ohne Vorfilterungen, strukturierte Benutzeroberflächen, Interfaces, die gerade verhindern, dass uns die Sinne so entgleiten, wie es Verena Macks Illustrationen demonstrieren).
Gewissermaßen sind digitale Räume Akkumulationen von Hot-Spots: Hot-Spots im weiteren Sinne verstanden als krisenhafte Orte mit erhöhter Aktivität – deren Ursprung und Ziel aber auf den ersten Blick nicht so klar hervortreten wollen bzw. immer von unterschiedlichen Motivationen her kommen und in unterschiedliche Richtungen gehen, geprägt durch eine Diversität, die immer schon zugleich eine bedrohte ist; durch permanentes Risiko von Ausbrüchen: von rhetorischen Flutwellen und überwältigenden Informationsfüllen, die uns meistens eher überströmen als bloß „abrufbar“ zu sein.
Ich will gar nicht wissen, wie schlecht ich sehe.
Ich frage mich, ob eine visuell fokussierte Wahrnehmung überhaupt noch zeitgemäß ist. Jedenfalls dann, wenn das immer noch mehr Sehen und Lichtreize Aufnehmen gerade nicht mehr dem Zurechtfinden im Raum dient, sondern Desorientierung bewirkt. Der Gleichgewichtssinn sitzt physisch ja auch im Innenohr. Und von dort kommt leichter Schwindel angesichts der überstürzenden Dynamiken in medialen Räumen – und, natürlich, auch, wenn zu viel Bildschirmarbeit unseren Kreislauf taumeln lässt.
Julian Heusers Malerei versucht einen solchen Schwindel produktiv zu machen: Inspiriert von flottierenden Hashtags, Memes und Instagram-Storys begibt sich der Maler in einen unvorhersehbaren Prozess, der analoge und digitale Formen der Malerei gegeneinander verschiebt. Die Komposition wird zum skalierten Ausschnitt der anderen und nächsten, verunklärt auf- und untereinanderliegende Ebenen und beschwört eine allgegenwärtige Unsicherheit darüber herauf, ob eine bestimmte Partie gedruckt oder gemalt wurde.
Dies liegt nicht zuletzt am hybriden Herstellungsverfahren der Bilder, in dem die Faktur des Pinselstriches teilweise zunächst mit Farbe von Hand auf die Leinwand aufgetragen, dieselbe Fläche anschließend aber mit digital erstellten Kompositionen bedruckt wird. Oder eben umgekehrt. Kompositionen werden variiert, gescannt, skaliert und neu bearbeitet. Was war zuerst da? Bild oder Handschrift? Idee oder Geste? Ist die eigentliche, „echte“ Handschrift diejenige, die zunächst auf dem Bildschirm, im kleineren Format erfolgt ist? Oder die nach der eigentlichen Komposition, doch vor dem Druck auf der großformatigen Leinwand mit der weißen, strukturierten Grundierung vollzogene?
Auch hier geht es also um eine Verrenkung unserer visuellen Wahrnehmung, vielleicht auch einer spezifischen Art des Interagierens zwischen unserem Seh- und Tastsinn: einem Sehen per Klick, per Haptik, und einem Fühlen und Begreifen via Scrollen mit den Fingern und den Augen gleichermaßen.
Auch wenn Heusers Malerei auf einer ersten Ebene mit Fragen wie Originalität und Autorschaft im Kontext technologischer Entwicklungen beschäftigt ist, so spielen gar nicht unerheblich auch Überlegungen zur Verschaltung unserer Sinne in einer zeitgenössischen Rezeption, die vornehmlich durch Bildschirme erfolgt, eine wichtige Rolle.
Die widerstreitenden Tendenzen zwischen Eintauchen, Verschmelzen, Ununterscheidbar-Machen digitaler und analoger Sphären auf der einen Seite und dem auf Distanz gehalten werden, im Loop der Gleichzeitigkeiten medial vermittelter Ereignisse oder einzelner Schritte künstlerischer Produktionsverfahren auf der anderen Seite vereint die Arbeiten Heusers, Mijics und Macks. Wie viel ist es, was wir tatsächlich aktiv visuell be-greifen? Was entscheidet darüber, was vor und für uns in den Vorder- oder Hintergrund tritt? Wie können wir mehr Einfluss darauf erhalten, wie nah oder fern uns Medien und ihre Inhalte kommen? Und wie berührbar sollen wir uns selbst dabei zeigen?



In
Verena Macksauf glänzendes Acrylglas gedruckten Postermotiven finde ich mich in dieser Verwirrung sämtlicher rezeptiver Organe und Körperteile, die die Einflüsse meiner Umwelt aufnehmen, wieder. Was man so profan Nackenverspannung nennen könnte, wird hier als empfundene Ablösung einzelner Glieder voneinander dargestellt. Diese ranken sich in wurstiger Form, irgendwo zwischen fleischlich-organischer Materie und relais-artigen Leitungen anmutend, dekorativ umeinander und umwickeln die Devices. Die ornamentale Grundform ist rechteckig orientiert. Gesichtssinne in 90°-Winkeln, teleskopartig abgeknickt auf uns als ein scheinbar fremdes Gegenüber zurückblickend. Wie viele Finger bräuchte man, um adäquat die Flut an E-Mails und Messenger-Nachrichten zu bewältigen? Wie viele Augen umzingeln mich, sobald ich in das Medium hinter dem Bildschirm tauche? Werde ich in diesen virtuellen Räumen plötzlich, wie ein post-digitaler naiver Narziss, nur noch von mir selbst, in unzähligen Spiegelungen umgeben, wo ich doch vermeintlich ständig andere treffe und Neues entdecke?Das Schlagwort der »Filterblase« ist vielsagend, wenn auch abgegriffen. Apropos Filter, denke ich, ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht, nach halb durchwachter Nacht, über Entwürfen am Bildschirm brütend, die Finger, den Augen folgend, langsam zu ausgeleierten Tentakeln mutierend.