Radikale Verbundenheit, Anthropozän und mehr

Beatrice Bianchini, Irina Denkmann

Kuration
Klimawandel
Umweltverschmutzung
Selbstermächtigung
Essay

Aufstehen, ein Glas Wasser trinken, vielleicht frühstücken, sich an die Arbeit setzen. Ein Tag gleicht dem anderen und wir wissen nicht, wann es endet. Das Leben ist monoton und zugleich unberechenbar geworden. Die Träume von fernen Reisen verfolgen die Verzweifelten immer mehr, doch sonderbare Erlebnisse passieren in den eigenen vier Wänden.

{ ... "I would like to start by emphasising that human beings are grossly over-eager to dominate their surroundings. To achieve this human folly one has to use ourselves (as acutely as we would like to) completely against the very notion of domination. Understanding that over-eager consumerism looks to the food and entertainment industry for an excuse to dominate is essential if we are going to reduce our human influence to the bare minimum. To achieve our objective we have to be willing to lose sight of the latter to very large human matters. Without this willingness we are going to return to the utilitarian margins of our everyday life. " ... }
"number": 5, "generated":
I would like to start by emphasising that human beings are grossly over-eager to dominate their surroundings. To achieve this human folly one has to use ourselves (as acutely as we would like to) completely against the very notion of domination. Understanding that over-eager consumerism looks to the food and entertainment industry for an excuse to dominate is essential if we are going to reduce our human influence to the bare minimum. To achieve our objective we have to be willing to lose sight of the latter to very large human matters. Without this willingness we are going to return to the utilitarian margins of our everyday life.

Hier wird jeder Winkel neu entdeckt. Jedes Sofa, Regal und jede Tasse, die früher niemanden störte, hat plötzlich das Potenzial, zum Feind zu werden. Dass unser Wohlbefinden so sehr von der Umgebung und Umwelt abhängt, war uns auch vor dem ständigen Zuhausesitzen schon bewusst. Das Ausmaß dieses Einflusses scheint jedoch völlig unerwartet zu sein. Zudem vermittelt das Verständnis aus den letzten Monaten, wie fragil ein Mensch gegenüber Natur im Allgemeinen dasteht. Dadurch dass die Verschmutzung der Umwelt und der Klimawandel überall auf der Welt immer spürbarer werden und unser ökologischer Fußabdruck zunimmt, wird immer klarer, wie sehr Handlungen und ihre Konsequenzen vernetzt sind. Daher bietet die Gebundenheit an die eigene Wohnsituation eine Gelegenheit, über die Verbundenheit der sowohl individuellen auch gesellschaftlichen Alltags mit ökologischen Entwicklungen aus der Perspektive einer physischen Erfahrung nachzudenken.

Luft zum Atmen

Oft werden gewöhnliche Tätigkeiten nicht bewusst wahrgenommen. Ein physiologischer Prozess, wie zum Beispiel das Atmen, wird äußerst selten beachtet. Was wir einatmen, ist für uns mit dem bloßen Auge nicht sichtbar. Paul Papes Bilderserie Dust Catchers (2019) ermöglicht, die Zusammensetzung der Luft visuell greifbar zu machen. Der Künstler veranschaulicht mit Hilfe einer selbstgebauten Maschine das Ausmaß der Luftverschmutzung, der man im Raum Frankfurt und Offenbach ausgesetzt ist. Die Konstruktion mit dem großen Filter fängt die kleinsten Partikel aus der Umgebung auf, und die daraus entstandenen zarten grau-weißen Verläufe werden zu einem Gemälde. Ob die grauen Oberflächen aus Abgas, Rauch oder Asche bestehen, bleibt unklar. Auf den Bildern sind mal Streifen, mal monochrome Flächen zu sehen. Das Material, das sonst in der Lunge sich absetzen würde. So stehen wir im Jetzt, mitten im emotional getriebenen Konsum und immer noch am Versinken in Überproduktion. Die Künstlerin Tania Felske adressiert in ihrer Serie Hüllen die Diskrepanz zwischen der ökologischen Krise und der fortlaufenden Warenproduktion und das daraus resultierende Problem der Müllmenge. Genauso wie die Staubspuren auf dem Filterstoff werden hier profane Objekte aus ihrem Kontext herausgenommen und dermaßen abstrahiert, dass sie auf den ersten Blick nicht wiedererkannt werden können. Die Essensverpackungen, Dosen und Plastiktüten schweben in ihren kleinformatigen Bildern so frei, als ob sie durch ein Mikroskop oder durch ein Fernrohr zu sehen sind. Die Essensverpackungen, Dosen und Plastiktüten schweben in ihren kleinformatigen Bildern so frei, als ob sie durch ein Mikroskop oder durch ein Fernrohr zu sehen sind. Tania Felske wählt für ihre Arbeit eine Technik, die ihr vollständige künstlerische Freiheit bietet. Ihre Fotogramme entstehen durch direkte Beleuchtung von lichtempfindlichem Fotopapier im Kontaktverfahren. Dadurch, dass das Verfahren keine Fotokamera verlangt, wird hier diese Barriere zwischen Materie und künstlerischem Schaffen eliminiert. Einerseits spricht Felske die Verschmutzung der Ozeane an, andererseits regt ihre Herangehensweise Gedanken über das unerforschte Potenzial unserer eigenen Taten an. Welche Materialien werden immer noch im Alltag für den einmaligen Gebrauch verwendet? Wie betrifft es uns im Alltag? Was können wir diesbezüglich tun? Schließlich stoßen beide Projekte die Frage an: Welche Verantwortung kommt der Kunst zu?

Ein Begriff, ein System und die Nachteile

Wenn von menschlichen Handlungen mit prägendem Einfluss auf die Umwelt die Rede ist, denkt man schnell an einen von Paul Crutzen vorgeschlagenen Begriff, nämlich den des Anthropozäns. Dieser Begriff hat griechische Wurzeln. »Anthropo-q steht für »menschlich« und »-cene« für »neu«. Diese nach Menschen benannte Epoche deutet darauf hin, dass die Veränderungen, die in den letzten 200 Jahren auf dem Planeten stattgefunden haben, überwiegend vom Menschen verursacht und verstärkt wurden.

Viele Autoren geben eine Beschreibung des Begriffs, so etwa Friedrich von Borries: Weltentwerfen. Eine Politische Designtheorie, Berlin, 2016, S. 119.

Der Leib-Seele Dualismus von René Descartes ist hier erwähnenswert, der die nicht materielle Natur des Denkprozesses proklamiert und die ganze Kultur somit vom physiologischen Ursprung abtrennt. Sowohl das Konzept des Anthropozäns als auch die in der Moderne entstandene Tradition, Kultur und Natur einzeln als voneinander getrennte Einheiten zu betrachten, implizieren eine besondere Macht des Menschen über die Natur:

[H]umans have long understood themselves as the divinely dominant species whose mission it was to subjugate and harness the Earth.

Die Menschen (ausschließlich) als Ursache der Umweltprobleme zu betrachten, führt zu dem Irrtum, dass wir sowohl die ökologischen Krisen erzeugen können als auch in der Lage sind, diese zu lösen.

Timothy James Le Cain: »Against the Anthropocene. A Neo-Materialist Perspective«, in: International Journal for History, Culture and Modernity Bd.. 3, Nr.1 (2015), S. 8.

{ ... "First, she notes that in her free time she observes and adapts to new situations, such as in the field where, under pressure, she is more likely to dig into the cooperatives. Second, she notes that the increasing detachment and competition in the market place – both natural and manmade – leads women to adopt more self-reliant behaviour, such as arriving at different times of the day and investing considerable time in the same task. Third, she notes the increased friction and variability of work hours, with many holding down full-time jobs and many finding it increasingly difficult to function at all. Finally, she notes the increasing need for new methods of hierarchy, and she advocates the identification of labour by type and industry within that industry." ... }
"number": 6, "generated":
First, she notes that in her free time she observes and adapts to new situations, such as in the field where, under pressure, she is more likely to dig into the cooperatives. Second, she notes that the increasing detachment and competition in the market place – both natural and manmade – leads women to adopt more self-reliant behaviour, such as arriving at different times of the day and investing considerable time in the same task. Third, she notes the increased friction and variability of work hours, with many holding down full-time jobs and many finding it increasingly difficult to function at all. Finally, she notes the increasing need for new methods of hierarchy, and she advocates the identification of labour by type and industry within that industry.

Die Menschen (ausschließlich) als Ursache der Umweltprobleme zu betrachten, führt zu dem Irrtum, dass wir sowohl die ökologischen Krisen erzeugen können als auch in der Lage sind, diese zu lösen. Und zwar mit Entwicklung von weiteren Technologien. Mit Bezug auf das sogenannte »gute Antropozän« werden immer wieder die Stimmen laut, die behaupten, dass selbst drastische Probleme in der Natur durch Geo-Engineering-Projekte behoben werden könnten. Unter den Vorschlägen sind massive Eingriffe in Ökosysteme wie die Zerstreuung von Sulfat-Aerosol-Partikeln in die obere Atmosphäre, um Sonnenwäre zu reflektieren, oder das Düngen der Weltmeere, um das Wachstum kohlenstoffabsorbierender Pflanzen zu fördern. Aus dieser Denkweise entsteht auch die neue materialistische Kritik an dem Anthropozän: der Mensch allein, ohne Hilfe der eigenwilligen, nicht bis ins Letzte von uns beeinflussbaren Dinge kann nicht diese globalen Veränderungen zum Leben erwecken.

Was neue Materialist:innen mit der aktiven materiellen Welt meinen, liegt uns buchstäblich vor der Nase. Es mag ja für viele unbequem sein, auf einem kleinen Hocker vor dem Computer sitzend den ganzen Tag zu verbringen. Doch wenn wir uns vor Augen führen, dass ein Arbeitstisch und ein Stuhl nicht nur dastehen, um uns zu dienen, wird klar, dass sie über die Kraft verfügen, uns langfristig krank zu machen. Skalieren wir dies vom Individuum zur Gesellschaft, so gelangen wir zu solchen Beispiele wie der breiten Anwendung von Kohle. Wie Timothy Mitchell erläutert, haben auf die Kohle basierende Technologien viel zur Entwicklung eines demokratischen Staats beigetragen.

Timothy Mitchell: Carbon Democracy: Political Power in the Age of the oil, London 2011, S. 12–15.

Gleichzeitig schadet der aus der Kohleverbrennung resultierende Giftmüll sowohl den Menschen als auch der Natur enorm. Diese Kräfte wurden lange Zeit nicht ernsthaft betrachtet und in manchen Bereichen so gut wie nicht erforscht.

Michelle Christensen u. Florian Conradi: Politics of Things, A critical Approach through Design, Basel 2019, S. 312.

Laut Michelle Christensen glauben Menschen nur zu gern, dass die Dinge, die sie bauen, nach ihren Regeln funktionieren. Dies war aber nie der Fall. Als Fabriken gebaut wurden, haben Menschen an die Effektivität und Zugänglichkeit der Produktion gedacht. Aber war auch die Schadstoffbelastung eingeplant? »People know what they do; frequently they know why they do what they do; but what they don’t know is what what they do does.« Diese ironische Aussage von Michel Foucault unterstreicht gut, dass wir in der Tat vieles nicht wissen, und nicht wissen können. Ein weiteres Problemfeld ist die Steigerung des Individualismus. Selbstverliebtheit, Konkurrenz, Arroganz gegenüber anderen Wesen sind die Eigenschaften, die aktiv in den modernen Gesellschaften gefördert werden. Dies ist ein Charakteristikum des merkwürdigen Ökosystems, das im Zusammenhang mit dem Kapitalismus entstanden ist. Hier werden alle Bereiche des Lebens konsequent nach Profit und Gewinn ausgerichtet und geformt. So eine Gesellschaft hat schlechte Karten, wenn es ums Aufhören geht, worauf die Werke von Paul Pape und Tania Felske auf unterschiedliche Weise deuten.

Donna J. Haraway, Staying with the Trouble. Making kin in the Chthulucene, 2016, Durham, S. 3-8.

Ein Teil des Ganzen

Wenn Materie überall mitwirkt, bedeutet dies dann eine Verlagerung unserer Verantwortung? Es bedeutet, dass die Kultur und somit die Menschen sich als Teil der Natur verstehen müssen. Es muss wieder möglich werden, die gedachte Trennung der beiden zu überwinden. Um in der Lage zu sein, neue Strukturen zu entwickeln, sollten wir uns von der Konzentration auf uns Menschen lösen und nach Strukturen suchen, die alle Tiere, Organismen und Prozesse berücksichtigen. Donna Haraway sieht unsere Aufgabe im Zusammen-Werden, d.h. darin, einen Ort für alle zu schaffen und nicht allein für uns.
Der Beginn einer solchen Wende deutet sich in Paul Papes Arbeit an. Einerseits ermöglichen die Bilder, die Inhalte der Luft unmittelbar vor sich zu sehen. Andererseits werden hier die kleinsten Staubpartikel zu wichtigen Mitspielern. Sie sind nicht mehr bloße Überreste der menschlichen Mobilitätsinfrastruktur. Stattdessen werden sie hier vielmehr als Kollaborationspartner im künstlerischen Prozess gesehen. Der Künstler hat dem Staub das Zeichnen und die Komposition auf den Bildern überlassen, da die Bilder nach dem Aufnehmen nicht weiterbearbeitet werden. Zusammenarbeit ist hier ein Schlüsselwort.

Timothy James Le Cain, Against the Anthropocene. A Neo-Materialist Perspektive, 2015, International Journal for History, Culture and Modernity, Vol. 3, No.1, S. 16.

Während Tania Felske und Paul Pape das Auffangen der Spuren unserer Zivilisation zeigen, regt Beatrice Bianchini in der Installation in your hands zum Nachdenken darüber an, wie es weitergehen soll. Der Umgang mit Risiken und Katastrophen steht dabei im Mittelpunkt. Dafür baut Beatrice Bianchini zwei inszenierte Bereiche: einen Korridor aus Plastikvorhängen und ein Badezimmer aus rosafarbenen Fliesen. Der Korridor ist mit zerfetzten Geräuschen aus Nachrichten befüllt und steht für Geschehnisse des öffentlichen Raums. Das Badezimmer dagegen könnte als Allegorie für Kontemplation, Besinnung, aber auch (private) Handlungen eines Individuums begriffen werden. Doch das Waschbecken im Badezimmer ist zerstört und überall sind die Zeichen von Vandalismus zu sehen. Ob hier ein seelischer Zustand einer Person dargestellt oder eine Allegorie der Gesellschaft präsentiert ist, bleibt offen. Die Frage lässt jedoch nicht los: Was ist hier passiert und welche Konsequenzen sind nun zu tragen?

{ ... "Understanding that human beings are inherently greedy and destructive therefore makes practical the practical needs and limitations of those standards very clear. Understanding that egocentric behaviour is therefore also destructive makes practical the irrationality, the uncertainty, the paralyzing fear, etc. of which we are a major menace. This is evident in the ways in which people's lives are materially affected by our human behaviour. Understanding that our domination of the earth and the degradation of the natural world are intrinsically wicked makes practical the systems that drive up prices and drive down habitable environments extremely difficult to dismantle can work in tandem very well with very well with most people's moral and ethical conscience. We see the failure of those who believe in free will as a sign of their poor moral character. Understanding that domination is evil therefore, which makes this manifesto possible, goes without saying. " ... }
"number": 13, "generated":
Understanding that human beings are inherently greedy and destructive therefore makes practical the practical needs and limitations of those standards very clear. Understanding that egocentric behaviour is therefore also destructive makes practical the irrationality, the uncertainty, the paralyzing fear, etc. of which we are a major menace. This is evident in the ways in which people's lives are materially affected by our human behaviour. Understanding that our domination of the earth and the degradation of the natural world are intrinsically wicked makes practical the systems that drive up prices and drive down habitable environments extremely difficult to dismantle can work in tandem very well with very well with most people's moral and ethical conscience. We see the failure of those who believe in free will as a sign of their poor moral character. Understanding that domination is evil therefore, which makes this manifesto possible, goes without saying.

Die Projekte helfen, zwei ineinandergreifende Problemfelder näher zu betrachten: ökologische Krisen und den Glauben an die menschliche Macht über die Natur. Diese langjährige Überzeugung ist zum Teil der klassischen Philosophie, aber auch dem Glauben an Begriffe wie Antropozän und Kapitalozän zu verdanken. Auf diesem Boden sind sozusagen Arroganz und Egozentrismus der Menschen gewachsen und führen unter anderem zu einer rücksichtslosen Ausnutzung der Ressourcen. Gesellschaftssysteme, die auf der Basis solch einer Dominanz entstanden sind, können wir uns nicht mehr leisten. Wir sind genauso das Produkt unserer Umgebung, wie die Umgebung ein Resultat dessen ist, was wir tun. Es ist notwendig, über eine neue Gemeinschaft nicht nur in, sondern vor allem auch mit diesem Umfeld nachzudenken. Das Verständnis darüber, dass nicht alles in unseren Händen liegt, könnte uns jetzt helfen, von Neuem die Suche nach besseren Lösungen zu beginnen.

00:00
0
#24Off_lineDiskurse über Zukunft – Bernd Kracke, Matthias Wagner K