Wer Kunst bzw. deren Betrachtung nicht nur als zerstreuenden Zeitvertreib sieht, weiß, dass Kunst nach Erschöpfung schreit. Sie verlangt nach Ausschöpfung aller Reserven durch die Künstler:innen wie nach absoluter Aufmerksamkeit der Betrachtenden. Diese Eigenschaft lässt Kunstwerke selbst wiederum recht lebhaft erscheinen. Doch statt fordernder Präsenz, die oft als ursprünglich wesenhaftes Merkmal der Plastik als dreidimensional räumlich funktionierender Gattung beschrieben wird, scheint sich das der Kunst unterstellte Eigenleben manchmal auch und gerade im Schlaffen, (vergeblich) sich Abmühenden, vor Überforderung (scheinbar) Kapitulierenden, Zerschlissenen zu manifestieren.
Explizite Darstellung von Erschöpfung findet man bereits in der Antike, wie etwa beim „Sterbenden Gallier“ (4. Jh. v. Chr.), doch hat man es hier nur bedingt mit Müdigkeit zu tun: Der angeblich von allen Kräften verlassene Krieger bewahrt Haltung, als gelte es, im Marmorglanz und mit dem Pathos heldenhaften Kauerns für die Ewigkeit dahinzusterben. Noch im Zustand der Abgespanntheit dominiert das Angespannte.

Regelrechte Schlaffheit, nicht durch vorherige Anspannung verursacht, sondern jegliche Anstrengung – sei es aus Faulheit oder chronischer Ausgelaugtheit – scheinbar von Vornherein verweigernd, findet man dagegen etwa bei Cosima von Bonin, die in Fatigue Empire (2010, Kunsthaus Bregenz) oder, gemeinsam mit Claus Richter, in „THING 1 + THING 2“ (2019, Kunsthalle Nürnberg) jeweils eine ganze Ausstellung als ausgepolsterte Ermüdungserscheinung mit scheinbar dösend herumlümmelnden Stofftieren inszenierte.
Komplementär zu den zahlreichen antiken Darstellungen verdient erschöpfter Helden, thematisiert die zeitgenössische Kunst häufig das ausgelaugte Kreativsubjekt – meist jedoch ohne sich den erschöpften Menschen unmittelbar auch als Sujet vorzunehmen. Vielmehr drücken sich Erschöpfung und Überforderung oft über Materialbeschaffenheiten aus. Textilien, vielleicht sogar Second Hand, wie bei Mike Kelley ikonisch der Fall, scheinen sich hierzu besonders zu eignen, oder eben blassfarbig Ausgestopftes, wie bei Bonin. Das Plüschige, im Materialaufwand Überbordende, scheint den Gegenstand, die Sujets und die Objekte, die in einer künstlerischen Arbeit zusammenfinden, fast schon vor dem Unbill der harten Realität, nicht zuletzt derjenigen des kritisch musternd Betrachtetwerdens, schützen zu wollen. Doch im Unterschied zu schlaffen, weichen, füllbaren und biegsamen Textilarbeiten, die im Herumlümmeln eine subversive Kraft zu entfalten suchen, indem sie die Rastlosigkeit des Kreativsubjektes aufzurufen und zu untergraben scheinen, hat man es in der neuesten Kunst mitunter auch mit einem weiteren, abweichend konnotierten Material zu tun: dem Flausch.
Auf Verflauschtes projiziert man meistens nicht nur Schlaffheit, sondern Wirkungslosigkeit – das, was keinem weh tut (aber auch sonst nichts erreicht). Weniger die Weigerung, etwas zu tun oder zu kommunizieren, sondern das Ausbleiben eines Effektes auf eine sehr wohl motivierte und kalkulierte Aktion hin. In der Internetsprache bezeichnet „Flausch“, geprägt von Stefan Niggemeiers Blog-Rubrik „Flausch am Sonntag“ und kultiviert von der Piratenpartei, niedlichen, harmlosen Wohlfühlcontent – das Gegenteil des Trollens und Mobbens, ein herzliches Umarmen, wenn auch in der anonymen Masse, kritisiert bisweilen als hohl und oberflächlich, harmonieverliebt. Doch im Unterschied zum Nur-Textil (als Material der Kunst) scheint Flausch gerade nicht für ein Träges, Schlaffes, Ruhendes zu stehen, sondern eben gerade für eine besondere Form digital-sozialer Aktivität.
Dass es mit dem Flausch immer Flusen und Flausen, mit den Tribbles immer Troubles gibt, musste schon die Crew der Enterprise in einer Folge von 1967 schmerzhaft erfahren: Sich in rasender Schnelle vermehrende Generationen felliger Haustier-Knäule drohten hier alle Schächte und Zugänge des Schiffes zu verstopfen und damit nicht nur einander, sondern auch die ganze Mannschaft zu ersticken. Auf Reaktionen wie gemütliches Gurren und ängstliches Wimmern, sozusagen ein minimal-emotionales Auf- und Abplustern reduziert, scheinen die Tribbles geradezu paradigmatisch für eine Invasion des bedrohlich Harmlosen zu stehen, welches in der zeitgenössischen Popkultur weniger eine Ambivalenz zwischen erschlaffender Kapitulation vor den Herausforderungen des Alltags und einem subversiv dem Produktivitätsdiktat sich verweigernden Herumhängen verbildlicht. Vielmehr evozieren sie eine Art von Verstopfung, die nicht mehr durch Nichtstun provoziert, sondern durch permanente Beschallung mit Reactions auf dieses, jenes, in den Nachrichten Verkündetes, von Prominenten Verlautetes oder schlicht die eigene Tagesverfassung lähmt.
Haben sich genug Flausche zusammengefunden, die zwar zu träge sind, um sich wirklich in Position zu hieven, dafür aber gerne einfach nur zusammenlümmeln, können diese Zugänge verstopfen und durch ihre mechanischen Positiv-Negativ-Reaktionen die Kommunikation innerhalb einer Gruppe, deren Fort- und Vorankommen im engen und weiteren Sinn behindern. Man übertrage diese Metapher auf beliebige Zusammenhänge des analogen und digitalen Zwischenmenschlichen.
Es ist also an der Zeit, sich die Teddy-Fleece-Jacke schmutzig zu machen.
Das Video endet mit elektronischem Störgeräusch und schließlich einem Dauerton, der den Ausfall lebenswichtiger Organfunktionen oder zumindest irgendeines Signals, das sich an die Außenwelt zu richten vermag, anzuzeigen scheint. Dem sichtlich erschöpften Wesen wird der Austausch mit seiner Umwelt verwehrt. Und irgendwie fühlt man zwar mit, doch fragt man sich zugleich: Wo will es denn eigentlich hin? Weshalb ist es so gestresst? Das Video zeigt einen Ausschnitt aus dem angestrengten Parcours des Wesens mit einem plötzlichen Ende. Das Wesen, das nicht innehalten zu können scheint, wird letztlich einfach abgeschnitten, abgewürgt.
Überforderung im Loop dagegen bietet die Installation der Future Failure Group. Lauter angedachte und nicht fertiggebrachte Ideen stehen im Raum. Kreativität und Motivation scheinen auch hier zu Erschöpfung zu führen – allerdings zu keinem Zustand, der an irgendeinem Punkt mal wirklich final erschöpft wäre (was ja auch Erleichterung mit sich bringen könnte). In der scheinbaren Leichtigkeit, mit der Idee um Idee in endloser Reihung entweichen, deutet sich unterschwellige Anstrengung an. Eine (zwar kokette) Kapitulation vor Auswahl und Reduktion angesichts einer Überzahl von Ideen.
Diese Topoi sind natürlich nicht neu: Klaus Conrad stellte 1959 in einem Tagungsband die These auf, ein Werk bleibe umso unvollendeter, je größer ein Künstler die Diskrepanz zwischen seiner inneren Vision und dem tatsächlichen Entwurf empfinde. Er geht also davon aus, dass eine Idee, sobald sie den Kopf des Künstlergenies verlässt, um sich zu materialisieren, nur in ihrer Fülle beschnitten werden kann, da jede Konkretisierung ihre Offenheit einschränken muss. Für Conrad heißt das: Je reflektierter der Künstler, desto skizzenhafter, „unvollständiger“ das Werk. Die nicht-endgültige Optik resultiert hier aus Ergebnisorientierung: Da die idea unumsetzbar ist bzw. am ehesten noch im rudimentärsten Zustand einen Bruchteil ihrer Strahlkraft zu entfalten vermag, belässt man es, so deutet Conrad an, am besten bei diesem Rohzustand.
Hintergrund dieser Überlegungen ist, dass die in der am Ideal der mit Leichtigkeit vollbrachten Vollendung (sprezzature) hängenden Renaissance noch weitgehend als Manko empfundene scheinbare Unvollendetheit von Kunstwerken im 19. Jahrhundert unter der Bezeichnung non-finito auch als Qualität anerkannt wurde: Als Form, die andeutete, das vieles noch in ihr möglich sei, sich entwickeln könne – auch wenn diese Offenheit im Verlauf des nächsten Jahrhunderts zunehmend auch melancholisch als post-moderne Abgebrochenheit der großen Erzählungen gelesen wurde.
Die „Future Failure Group“ spielt mit diesem Moment, vor lauter Ideen nicht zu deren Umsetzung kommen zu wollen. Zu viele Kompromisse sind zu befürchten, Einengung, Beschneidung, Anpassung an Gegebenheiten, die aber andererseits doch die nötigen Rahmen darstellen, ohne die eine Materialisierung erst gar nicht möglich erscheint. Jede ätherische Skulptur braucht einen Klumpfuß. Die physische Reibung ist treibende Kraft im Herstellungsprozess von Kunst. Doch was passiert, wenn diese ausbleibt? Was dreht durch, wenn plötzlich alles gleichermaßen möglich und unmöglich auf uns wirkt, je länger wir dem Stream of consciousness unser Ohr und Auge leihen?
Aufgehäuft verlesene Proposals für mehr oder weniger ortsspezifische und erstrebenswerte Projekte im Museum Angewandte Kunst Frankfurt werden von der Future Failure Group im Rahmen einer improvisierten „News-Bar“ präsentiert. Die Ideen akkumulieren sich, konkurrieren um die Vorstellungskraft der Besucher:innen, darum, „Realität zu werden“, vielleicht gerade am wirksamsten, indem sie unsere Köpfe einnehmen und dort wirklich nicht mehr rauskommen. Vielleicht geht es auch um einen Contest, welche Projekte es schaffen, als Kunst oder besser: potentielle Kunst betrachtet zu werden. (Conteste kommen ja immer gut an, wenn es um Einschaltquoten geht.)
Die Akkumulation überfordert, so scheint es, Künstler:innen wie Betrachtende. In Kunst transformiert erscheint hier gewissermaßen auch der Strom an Informationen und (Halb-)Wahrheiten, an Fakten, Fakes und Forderungen, der uns in der alltäglichen Medienlandschaft überflutet. Die Future Failure Group reproduziert diese Dynamik gewissermaßen, treibt sie jedoch hinsichtlich der Absurdität auf die Spitze. Zugleich handelt es sich um eine Anhäufung von Vorschlägen von Kunstprojekten – d.h. auf dem Spiel und zur Debatte steht eine besondere Art von Realität und der Schaffung von Welten und Wirklichkeiten. Dennoch oder gerade dadurch wird es möglich, auf einer abstrakten Ebene über Kriterien wie Machbarkeit und das Erstrebenswerte nachzudenken.
Ebenso wie das jäh ein Ende findende Video Kristina Hubers lässt auch das Projekt der Future Failure Group als unaufhaltsamer Loop über verschiedene Wahrnehmungen der Erreichbarkeit und Umsetzbarkeit von Zielen reflektieren: darüber, wie quantitativ gedachte Aktivität und Produktivität tatsächlich unerwartete Blickwinkel offenbaren, wenn jeder Entwurf von einem neuen gefolgt und anders beleuchtet wird; aber auch, wie Kurz- und Langstreckenläufe unserer kreativen Bemühungen und Aufmerksamkeitsverteilung vermutlich ineinandergreifen müssen, um Wirkungen jenseits der bloßen Erschöpfung, Ausreizung, Überforderung oder Abstumpfung zu erreichen; über die Bedeutung des Entwickelns persönlicher Strategien, um den Parcours unseres Wegs zum Erfolg oder den Strom der auf uns zufließenden Sinnesreize zu lenken und zu unterbrechen – um die Richtung zu justieren oder auch mal rückwärts zu gehen; um an das, was uns entlang der Strecke begegnet, näher hin und auch wieder von ihm (Loop? Strom? Parcours?) weiter weg zu treten. Denn lineare Bewegungen führen selten an andere Orte als an diejenigen, die bereits in unser vertrautes Navigationssystem eingetragen sind.


Auch Kristina Huber lässt in ihrer Videoarbeit
Out of the Mudein plüschig anmutendes Wesen mit tiefschwarzen Knopfaugen gegen die Widrigkeiten seines (angestrebten) kreativen Daseins anrennen. Genau gesagt handelt es sich um ein Musikvideo: „Everything Sucks“ heißt die Debütsingle des Künstlers IXXF, der unter anderem bereits mit Pussy Riot zusammengearbeitet hat, „insanely catchy“ und „based in Berlin“ – auch dort hat das vergangene Jahr seine Glitches hinterlassen.Hellblau leuchtende Schmetterlinge schwirren dem Wesen wie Sterne der Bewusstlosigkeit um den Schädel, während es, scheinbar dick einwattiert in seine eigene implantierte Creative Cloud, durch eine post-apokalyptische CGI-Landschaft kraxelt. Ein wenig wirkt es auch wie ein markierter Avatar, dessen Kontrolle uns, den Betrachter*innen, jedoch entglitten ist. Das Regenbogenflausch stapft und trudelt durch Friedhofsflair und Maya-Ruinen, ein ausrangierter Hometrainer und diverser Konsummüll säumen seinen Trail (und, zu allem Übel, ist der Coca-Cola-Automat auch noch außer Betrieb). Als Schmuck trägt es eng gezurrte Ketten, am Kinn ist es mit dem Logo des Künstlers – einem sich selbst aus dem zitternden Strich-Gesicht fallenden, bitter zerbröckelnden Smiley – gebrandet.