Kollektive Gemengelage

Maria Sitte

Kuration
Kollektivität
Essay
Autorschaft

Kollektivität ist in aller Munde. Nicht nur das gemeinsame Entwickeln künstlerischer und gestalterischer Arbeiten, sondern auch das gemeinsame Kuratieren von Ausstellungen sind Usus, um Wissen zu potenzieren oder eingefahrene Wege zu verlassen. Wozu diese symbiotische Vergemeinschaftung im Ausstellungskontext, mag sich manche:r vielleicht fragen, angesichts einer parallel zu beobachtenden Tendenz zur individuellen und singulären Kreativität. Wieso braucht es kollektive Arbeitsweisen? Welche Strategien werden dabei verfolgt? Und wie relevant sind Künstler:innenkollektive heute noch?

Kollektive Praxis als kritische Praxis

Der Schulterblick in die Kunstgeschichte zeigt, dass es Gruppierungen mit jeweils eigenen Besonderheiten aller Art gegeben hat, die sich als Widerpart zum Kunstmarkt, als politische Lebensform oder als Keimzelle von Gegenöffentlichkeit verstanden haben. Wenngleich es künstlerische Zusammenschlüsse weitaus früher gegeben hat – erinnert sei an dieser Stelle nur sporadisch an die mittelalterlichen Bauhütten oder die Hinwendung zu kollektivem Kunstschaffen während der Romantik –, ist das Aufkommen von beständigen Künstler:innenkollektiven vor allem der modernen Avantgardebewegungen zuzuordnen, bei denen es nicht ausschließlich um das gemeinschaftliche Arbeiten ging, sondern (auch) um das Üben von Kritik an Kunst und Gesellschaft.

Von Dada über Fluxus, der Situationistischen Internationale oder den Guerilla Girls lassen sich, trotz aller Unterschiedlichkeit, mannigfaltige Beispiele aus dem letzten Jahrhundert finden, welche das Verhältnis von kollektiver und singulärer Autor:innenschaft, die Grenzen des Werkbegriffs, die Potenziale kollektiver Arbeitsweisen und die aus gemeinschaftlicher Arbeit hervorgehenden künstlerischen Resultate zur Disposition stellten. Demnach ist Kollektivität nicht ausschließlich als bloßer Zusammenschluss zu verstehen, sondern kann ein gewisses gesellschaftskritisches oder gar aktivistisches Bewusstsein bergen, wodurch gewisse utopische Besetzungen zur Geltung kommen können. Nicht selten wurden Künstler:innengruppen, deren Selbstverständnis sich nicht allein über die Produktion von Werken, sondern auch das Verfassen von schriftlichen Manifesten artikulierte, sogar als Sicherheitsrisiko stigmatisiert.

Angelika Nollert: Kunst ist Leben und Leben ist Kunst. In: Ausst.Kat.: Kollektive Kreativität. Hrsg. v. René Block. (Kunsthalle Fridericianum, Kassel 1.5.-17.7.2005). Frankfurt a.M.: Revolver books 2005. S. 19-29.

Vgl. hierzu Florian Rötzer und Sara Rogenhofer: Von der Utopie einer Kollektiven Kunst. In: Kunstforum International. „Künstlergruppen. Von der Utopie einer Kollektiven Kunst“. Bd. 116, 1991. S. 70-77. (URL: https://www.kunstforum.de/artikel/von-der-utopie-einer-kollektiven-kunst/, letzter Zugriff: 11.4.2021)

Kollektive Praxis als temporäre Praxis

{ ... "We have seen how creative institutions adapt their organisational packages to evolve and adapt their tools, models and models of engagement. All of us are either professionals or people who like to experiment. This process happens quickly, almost always within the existing society. We want to learn and change the world. Yet, as we see opportunities for bringing this new order into our societies and cultures, we also see that this ordering is extremely impersonal. By and large, we are in concert with other people and other cultures who are creating entirely new worlds. We want to break out of the familiar and create our own edifices. In most societies, for example, capital and the guilds dominate the agenda and the agenda is presented in broad strokes. But, as we are all professionals now, we have to pick our battles. We have to find new paths and new tactics. We work hard, but we are not paid: this is not how the system is run." ... }
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We have seen how creative institutions adapt their organisational packages to evolve and adapt their tools, models and models of engagement. All of us are either professionals or people who like to experiment. This process happens quickly, almost always within the existing society. We want to learn and change the world. Yet, as we see opportunities for bringing this new order into our societies and cultures, we also see that this ordering is extremely impersonal. By and large, we are in concert with other people and other cultures who are creating entirely new worlds. We want to break out of the familiar and create our own edifices. In most societies, for example, capital and the guilds dominate the agenda and the agenda is presented in broad strokes. But, as we are all professionals now, we have to pick our battles. We have to find new paths and new tactics. We work hard, but we are not paid: this is not how the system is run.

Kaum zu übersehen ist, dass temporäre und projektbezogene Zusammenschlüsse Phänomene unserer aktuellen Zeit sind. Zwar mag es immer noch feste Gruppierungen geben, doch der zeitlich limitierte Austausch hat besonders heute Konjunktur. Wie heterogen kollektive Strategien heutzutage zum Einsatz kommen, müsste klar sein, vergegenwärtigt man sich die Vielzahl ihrer Möglichkeiten: So treten Künstler:innenkollektive, wie das indonesische Kollektiv Ruangrupa, derzeit auch als Kurator:innen auf, um sich der Kuration der documenta 15 zu widmen. Mit Kusshand wird das stetig durchwechselnde Recherchekollektiv Forensic Architecture in den Kunst- und Kulturbetrieb eingebettet. Und die Performances von Tino Sehgal wären ohne flexible kollaborative Zusammenschlüsse undenkbar. Auch die Ausstellung „Aus heutiger Sicht. Diskurse über Zukunft.“ ist von Künstler:innen, Kurator:innen und Designer:innen gleichermaßen konzipiert worden.

Böse Zungen würden behaupten, diese Entwicklung würde allein einer immer zügigeren Ausstellungsökonomie folgen. Dieser Annahme ließe sich entgegnen, dass gerade der künstlerische Produktionsdruck und die oftmals existentielle Suche nach der eigenen ästhetischen Ausdrucksform durch das Modell kollektiver Arbeitsweisen durchbrochen werden können. Die Idee kollektiver Arbeitsprozesse kann sogar, wie Nadine Brunner feststellt, einen Protest gegen neoliberale, von Effizienz angetriebene Arbeitsstrukturen artikulieren und jene Imperative des Netzwerkens unterwandern. Doch gerade weil temporäre Kollaborationen nicht per se deckungsgleich mit genuinen Künstler:innenkollektiven sind, gilt es, kollaborative Zusammenschlüsse auf ihre jeweils eigenen Zielsetzungen hin zu überprüfen und temporäre Kooperationen als eigenständige Positionen zu begreifen, um herauszufiltern in welchem Zusammenhang das kollektive Kunstschaffen mit dem gemeinsam entwickelten künstlerischen Werk steht.

Nadine Brunner: 1+1=3. Der kollaborative Autor. Autorschaft in temporären Zusammenarbeiten der zeitgenössischen Kunst. (Diss., Ludwig-Maximilians-Universität München). München 2018. S. 51.

Organisierte Kooperationen

Die Ausstellung „Aus heutiger Sicht. Diskurse über Zukunft.“ mag als gemeinsame Achse fungieren, um die sich gemeinschaftliche Kreativität organisiert. Um prozessbetont zu arbeiten, ist hierfür die Ausstellungform der Installation ein wichtiges Medium – mal um als Gesamtgefüge zu funktionieren, welches einen Grundgedanken kollektiv von Anfang bis zum finalen Ergebnis ausstellt, ohne auf einen künstlerischen Individualismus zurückzugreifen, mal als gemeinschaftliches Projekt, bei dem die jeweilige Handschrift des Einzelnen sichtbar bleibt.

Die Idee gemeinschaftlicher Produktion geht oft einher mit dem Gedanken der Zurückweisung des typischen Rollenmodells des “Einzelkämpfers“ in der bildenden Kunst. Die von einer Vielzahl an Künstler:innen entwickelte Wandmalerei Was bleibt, was verschwindet setzt sich aus vielen einzelnen, malerischen Gesten durch das Prinzip des work in progress zu einer wandfüllenden Komposition zusammen, bei der die malerische Heterogenität erkennbar bleibt. Dicht an dicht drängen sich collageartig zehn einzelne Porträts, in denen die Künstler:innen den subjektiven Blick ganz auf sich selbst richten und Bildautor:innen und gemalte Subjekte zugleich sind. Ergänzt wird die vielteilige und komplexe Gemengelage des malerischen Bildgeschehens durch andere Bildlichkeiten und Medien wie Plots, Clips und Texte, was letztlich als Kommentar auf einen gefilterten und von Feedback getriebenen Selbstdarstellungsdrang in den sozialen Medien verstanden werden kann. Auch wenn sich ein einheitliches Ganzes in dieser Versuchsanordnung ausschließt, zeugt all dies von einer gewissen Komponiertheit, wie bei einem improvisierten Jazz-Stück, bei dem die Akteur:innen aufeinander reagieren, ohne sich gegenseitig aufzulösen. Ganz im Sinne eines Experimentierens mit multipler Autor:innenschaft ließe sich hier von einem offenen Beziehungsgeflecht sprechen, welches weder homogen, noch in sich geschlossen ist. Die kollektive Arbeitsweise manifestiert sich in einer gemeinsamen prozessorientierten Strategie und stellt sich als bildliches Arrangement aus, in dem der gemeinsamen Haltung auf jeweils individuelle Weise malerisch Ausdruck verliehen wird.

Dass jene Form der kooperativen Arbeitsweise dahingehend variiert werden kann, dass mit ihr ebenso ein radikaler Verzicht auf die Urheberschaft des Einzelnen einhergeht, zeigt sich in dem Projekt Das Wichtigste ist Licht. Licht ist Leben, für welches sich eine temporäre Gruppe der Sprengbarkeit des Museums widmet. Wände, Rampen und Fenster des von dem Architekten Richard Meier entworfenen Museumsgebäudes werden gar in Zusammenarbeit mit einem Sprengmeister vormarkiert, sodass sich die gemeinschaftliche Zusammenarbeit viel mehr in einer konkreten Idee manifestiert als im individuellen Duktus des Einzelnen. Die Vorstellung des Einreißens und Neudenkens tragender Strukturen mag sich, in dieser kollektiven Konstellation, nicht nur auf das künstlerische Experiment selbst beziehen, sondern lässt auch die Infragestellung hierarchischer Organisation im Allgemeinen vermuten. Eine ganz ähnliche Vorgehensweise lässt sich in der filmischen Installation How to become an image des multidisziplinären Kollektivs EgoZen erkennen: die seit längerem zusammenarbeitende Gruppe amalgamiert visuell hunderte digitale Fotografien gängiger Yogaposen, um die Normativität der in den Social Media-Kanälen kursierenden Bilder aufzuzeigen. Der künstlerische Arbeitsprozess wird in diesen Fällen als produktiver Austausch verstanden und mündet in übergeordneten Ideen und einem installativen, erweiterbaren, Setting. Die temporäre gemeinschaftliche Arbeit wird dabei selbst zu einem künstlerischen Ereignis, bei dem es auch darum geht, die individuelle Handschrift zugunsten einer Arbeitsweise außerhalb der eigenen Filterblase zu erweitern und überhaupt alternative Ideen zur eigenen künstlerischen Syntax auszubilden.

Creating common ground

{ ... "However, this is not the case at all. On closer inspection, this might show up in the organisational qualities and even the aesthetic connotations attached to the name “thinker” and the habituation to group action. Groups with dysfunctional rules and procedures often have more in common with people who live in highly structured and integrated organisations and are intensely attuned to their social context. The organisational qualities of the thinker and the habituation to conflict in their work bring to the fore a situation that is as problematic today as it was 15 years ago, and perhaps even will become, for workers in the future, a responsibility that must be prevented. The task at hand is not only democratic, it is ethical. We will be creating a video manifesto in consultation with professional artists and graphic designers, sound conceptual artists and creative people associated with the industries we envision for the future to inspire and strengthen." ... }
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However, this is not the case at all. On closer inspection, this might show up in the organisational qualities and even the aesthetic connotations attached to the name “thinker” and the habituation to group action. Groups with dysfunctional rules and procedures often have more in common with people who live in highly structured and integrated organisations and are intensely attuned to their social context. The organisational qualities of the thinker and the habituation to conflict in their work bring to the fore a situation that is as problematic today as it was 15 years ago, and perhaps even will become, for workers in the future, a responsibility that must be prevented. The task at hand is not only democratic, it is ethical. We will be creating a video manifesto in consultation with professional artists and graphic designers, sound conceptual artists and creative people associated with the industries we envision for the future to inspire and strengthen.

Die Vielfalt der künstlerischen Projekte lässt sich nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Temporäre künstlerische Kollaborationen sind nicht per se anti-hierarchisch oder am Aufbrechen eines isolierten Singulären interessiert. Schnittmengen der gezeigten Werke lassen sich auch nicht ausschließlich auf den institutions- oder gesellschaftskritischen Unterton reduzieren. Wesentlich fundamentaler erscheint doch, als Konsequenz der steigenden Anforderungen an Künstler:innen, das anti-elitäre und kritische Potential der Gruppe selbst, ganz unabhängig vom Thema, das gemeinsam bearbeitet wird. Was bei vielen vermutlich Augenrollen verursachen mag, wenn das Wort „Gruppenarbeit“ zu hören ist, bedeutet in einer meist sowieso prekären künstlerischen Arbeitswelt: Sicherheit, Souveränität und Selbstermächtigung. Da die Mitglieder von Kollektiven meist jung sind und sich oft zwischen Studienabschluss und Karrierebeginn bewegen, vermag das Konzept neue Handlungs- Gestaltungsspielräume bereitzuhalten. Gleichsam werden durch die projektbezogenen Zusammenschlüsse kollektive Interaktion und gemeinschaftliche Formgebung in den Vordergrund gerückt und damit die der Kollaboration inhärente einmalige Ausdrucksweise.

Anstelle eines lang erarbeiteten Regelsatzes, wie es in Teilen Künstler:innengruppen der 1960er Jahre zugrunde lag, wird in einer temporären Interaktion ein gemeinsamer künstlerischer Ausdruck formuliert. Aufgaben und Pflichten der einzelnen Akteur:innen werden dabei nicht zwingend festgelegt, sondern ergeben sich immer wieder aufs Neue aus den Anforderungen und dem konkreten Arbeitsprozess. Sofern kollektive Strukturen nicht als homogene Masse verstanden werden, bergen jene Arbeitsweisen dementsprechend unberechenbare Gruppendynamiken, sollen sich möglichst viele Potenziale überlappen, ineinandergreifen und sich gegenseitig befruchten. Verständlich also, dass es sich um komplexe Systeme handelt, die nicht immer konfliktfrei agieren. Doch die Unbestimmtheit im Ausgang und Entwicklungsmöglichkeiten zum Austausch lassen die Gruppenaktivität nach wie vor attraktiv und überaus relevant erscheinen.

Nadine Brunner: 1+1=3. Der kollaborative Autor. Autorschaft in temporären Zusammenarbeiten der zeitgenössischen Kunst. (Diss., Ludwig-Maximilians-Universität München). München 2018. S. 125.

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#24Off_lineDiskurse über Zukunft – Bernd Kracke, Matthias Wagner K