Derzeit haben wir es »mit einer künstlerischen Rest-Produktion zu tun, der ihre Infrastrukturen weitgehend abhandengekommen sind«, schreibt Isabelle Graw in ihren »Notes on Quarantine« der Zeitschrift Texte zur Kunst. Zu Beginn der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen angesichts der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 geschrieben und veröffentlicht, stellte dieses Zitat einen von zahllosen Versuchen Kunst- und Kulturschaffender dar, den Einschnitt, den der Verlust von Austausch im eigenen Denken und Tun bedeutete, irgendwie in Worte zu fassen.
Doch was soll eigentlich heißen »Rest-Produktion«? Ist unser Herstellen bedeutsamer Entwürfe, Objekte und Situationen an ein Ende gelangt? Gibt es nun nur noch Reste von Produktion, von produktiven Handlungen? Ist, mal provokativ zugespitzt gesprochen, das, was an der HfG Offenbach aktuell entsteht, als eine Art »Rest-Produktion« zu verstehen? Die mehr »abgenommenen« als sicht- und spürbar veranstalteten Diplome der Fachbereiche Kunst und Design, die Entwicklungen »junger Positionen«, wie es so schön heißt (die zu solchen ja auch nur im Austausch mit und in Absetzung von anderen werden), die Vorbereitungen für unabhängig geplante Pop-up-Ausstellungen im Kleinen oder die museal angelegte Jubiläumsschau im Museum Angewandte Kunst?
Sicher nicht in dem fatalen Sinne, dass den Gestaltenden und Künstler:innen die Ideen auszugehen drohten. Auch Material lässt sich, trotz finanzieller Engpässe durch Einkommenseinbußen, mit etwas Talent fürs Improvisieren finden. Doch kreative »Produkte« benötigen mehr Ressourcen als den bloßen Werkstoff im engeren Sinne und andere Distributionswege als ein Stück freie Fläche, um im Warenregal des Supermarkts der guten Einfälle zu stehen. Ihre wichtigste Ressource sind die Orte, an die sie sich begeben, in die sie sich eindenken, auf die sie reagieren, um mit ihnen zu interagieren, zu kollidieren – und die sie, eingreifend, selbst mit erschaffen und prägen, kurz gesagt: verändern. Nicht zuletzt in der Erfahrung derjenigen, die sich ebenfalls an diese Orte begeben, meist bewusst als Ausstellungsbesucher:innen, manchmal aber auch versehentlich – was der Begegnung keinen Abbruch tut.
Vielleicht ist das Positive, was sich aus dem Zurückgeworfensein auf eine (vorläufige) »Rest-Produktion« an seltener, darum aber auch wertvoller gewordenen Orten eines physischen Austauschs mitnehmen lässt – was man zumindest versuchen sollte, mitzunehmen –, genau dieser produzierte Rest. Eine »Reste-Produktion«, die Spuren öffentlicher Räume und Begegnungen verwendet, wie sie sie im täglichen Überangebot politischer Frustrationen, gemeldet aus allen Teilen der Welt, weltanschaulicher Kollisionen, mehr oder weniger praktikabler Alltagsgewohnheiten vor und hinter der »eigenen Haustür« vorfindet. Die diese Reste, die so oft verfallen, abgeschrieben, nichts mehr wert erscheinen, verarbeitet zu Erfahrungen, die sich genau im Zwischenraum zwischen der Öffentlichkeit, wie wir sie kannten, und der Öffentlichkeit, wie sie auch unter den Voraussetzungen der Pandemie gestaltet werden kann, bewegen: als Reste von öffentlichen Räumen, denen die Infrastruktur temporär abhanden gekommen ist – und durch welche es gerade keinen Übersicht verschaffenden, vor Schlaglöchern geschützten »Walkthrough« geben kann, weder auf der Rezeptions-, noch auf der Produktionsebene. Ob sich dieser Prozess als ein Up- oder Downcycling der Fragmente und Beobachtungen heraus-stellen wird, ist offen und eben genau abhängig von der Bewältigung der Herausforderung, die Infrastrukturen im Kulturbetrieb nicht nur wiederherzustellen, sondern auch zu überholen.

Orte, an denen Kunst und Design entstehen, sind Infrastrukturen, die Öffentlichkeit(en) schaffen. Doch, um nochmal von Fatalität zu sprechen: genau von dieser Öffentlichkeit, so be-schleicht viele in Corona-Zeiten ein Gefühl, droht uns nun ein immer kleiner werdender Rest zu bleiben.
Welchen Ort hat eine Hochschule für Kunst und Gestaltung, wenn das Gebäude, »das Schloss«, nahezu kafkaesk, unerreichbar, von Vorschriften eingekreist, zumindest betretbar nur für wenige zur gleichen Zeit sich zeigt? Wenn sich Deadlines verschieben für eine Ausstellung, von der man noch gar nicht weiß, wer sie wann und durch welches Medium »betreten« wird?
Vielleicht ist es leichter (oder auch schwerer), zuerst die umgekehrte Frage zu stellen: Welche Orte haben wir momentan nicht? Was fehlt, wenn in den Fluren Abstand herrscht und der »Haushalt« zur neuen sozialen Maßeinheit avanciert?
Zunächst ist es das Studio, der persönliche Arbeitsraum, der sowohl innerhalb der Hochschule als auch außerhalb zwecks Kontaktverringerung oft »geräumt« werden musste. Insbesondere gemeinschaftlich geteilte Ateliers, die zwar vorrangig dem Machen, im Machen selbst aber doch wiederum dem Zeigen untereinander, unter Kommiliton:innen und Kolleg:innen, Raum bieten, wurden in ihrer Funktion eingeschränkt. Monitore wurden von A nach B ins Home-Studio mit geliehenen PKW verschifft; Materialien auf- und weggeräumt; schreibtischkompatibel zuge-schnitten oder neu gewählt, klein- und bildschirmformattauglich. Gespräche mit Profes-sor:innen, Lehrenden, Kommiliton:innen, Ateliergenoss:innen sind natürlich weiterhin möglich – online, zusammen in einem Raum, während jede:r woanders ist. Sozusagen das Gegenteil von »Mensa«, wo irgendwie immer alle an einem Tisch sitzen und gemeinsam die nicht aufgegessenen Ideen nochmal neu und anders wenden. Oder auch das Gegenteil von »Exkursion«, wo Seminarstrukturen a-rhythmisch und umgeordnet werden, effektiver als in jedem »Breakout-Room«.
Auf welche geteilten Koordinaten bezieht man sich, wenn schon Blickkontakt nur dadurch evoziert werden kann, wenn eine mich anblickende Person an meinem digitalen Abbild vorbei ins Auge der Web-Kamera blickt? Wie trifft man sich, wenn Mimik und Gestik zwischen den Bildschirmräumen entgleiten? Einander gegenseitig die Blicke leiten, fällt schwerer, wenn man sich auf einer digitalen Plattform statt in einem physisch-analogen Raum zusammenfindet.
Und, was irgendwie auch fehlt, ist Berlin. Stellvertretend für jede andere Stadt außer Offenbach (wo man ja nun wirklich lange genug Kunst gemacht hat), aber auch konkret und spezifisch als Stadt, die vormals als oft genanntes Wunschziel für Arbeit und Leben im Anschluss an die oder während der letzten Semester des Studiums fungierte. Wo stellt man sich die Zeit nach dem Studium vor, wenn Nach-Berlin-Ziehen (oder woanders hin) in erster Linie den Wechsel von Hotspot zu Hotspot markiert? Und, wichtiger, schmerzhafter noch, wenn die Herausforderung weniger im positiven Sinne im Finden von, Ausstellungsräumen und Knüpfen von Kontakten in einer neuen Stadt liegt, um die eigenen Arbeiten zeigen zu können, sondern mehr noch im glücklichen Abpassen von Phasen abflachender Infektionswellen, in denen überhaupt so etwas möglich ist, was in den Medien mitunter als »Aktivitäten, die der Freizeit dienen« bezeichnet wird? Veranstaltungen halten nach Lücken Ausschau, werden nach vorne oder nach hinten ge-schoben. Wie wahrscheinlich ist es, dass der nächste Lockdown in zwei Monaten ausgerufen wird? Oder vielleicht morgen schon (und bis in acht Wochen schon wieder vorbei)? »Vorbei« scheint aber nichts gerade so wirklich zu gehen. Auch deshalb, weil nichts so richtig anfängt.
Was macht es mit der Produktion und Planung, wenn man sich innerlich immer schon darauf einstellen muss, plötzlich viel früher oder einige Monate später bereit zu stehen? Welche Art von »Aktualität« lässt diese Ausgangslage in die eigenen Arbeiten Eingang finden? Welche Zeitlichkeit prägt das kreative Denken? Welche Geschwindigkeit, wenn alltägliche Bewegungen zwischen den Orten der Produktion – und das sind auch und vor allem die Orte eines Austauschs, Atelier, Hochschule, Mensa, neue Städte, neue Gruppen – wegfallen?
Der Modus der Rezeption aktueller Ausstellungsprojekte ist heute oft als digitaler »Walkthrough« konzipiert. Steht die Präsentation, wenn die Türen der Häuser plötzlich schließen, helfen Social Media, die potentiellen Betrachter:innen nicht zu verlieren, sondern an die Hand zu nehmen, ihnen Einblicke zu verschaffen. Der »Walkthrough«, als Fotostrecke, Insta-Story oder animierter Rundgang durchs 3D-Modell, bewegt sich im Passiv eines »Durchgelaufen-Werdens«, und er erweckt mitunter auch den Eindruck, als befänden sich diejenigen, die ihn anbieten, in einem »Survival-Modus«: Die Augen ganz weit auf und durch, durch das, was immerhin digital sichtbar geschaffen und geschafft im Raum steht. Und wer wollte es den Aus-stellungshäusern vorwerfen, ist die Ausstellung erst einmal aufgebaut, kann sie doch niemand sehen – außer, sie wird eben abgefilmt, in digitalen Videos kommentiert, fotografisch dokumentiert und mit Talks flankiert. Doch der Blick verändert sich, wenn ich eine Ausstellung nicht mehr physisch durchwandern kann, sondern auf optisch-auditive Distanz gehalten, plötzlich vor allem Informationen und Ansichten erhalte, die vom Zusatzmaterial zur Hauptsache avancieren.
Möglichkeit 1: Bei allem passiven »Durchgelaufenwerden« stellt sich ein neugieriger Beobachtungsmodus ein, der aktiv verfolgt, wie verschiedene Institutionen und Akteure ihre Arbeitsprozesse, Recherchen, Vermittlungsweisen zugänglich machen, wie der Zwischenraum sich füllt zwischen dem, was mit einem Mal möglich wird (ich hatte vorher noch nie die Gelegenheit, nachts um zwei einem Artist Talk beizuwohnen, der mehrere tausend Kilometer entfernt von mir stattfindet), und dem, was beflissen bis verzweifelt oder spielerisch experimentell umkreist wird an räumlicher Erfahrung, die schwer zu re- oder neuproduzieren ist.
Möglichkeit 2: Eine Furcht breitet sich aus, nicht »kompatibel« genug mit den neu entstehenden Normalitäten des Ausstellungsbetriebs zu sein. Von fast allem lässt sich heute eine digitale Ver-sion herstellen. Doch wie fügt sich diese in meine bisherigen Denk- und Arbeitsprozesse ein? Entsteht die digitale Version einer bereits existierenden Arbeit mehr in der vorauseilend hinterherhechelnden Angst, nur mittels dieser noch sichtbar zu bleiben, und nicht primär aus dem Drang, die eigenen Möglichkeiten (nicht Notwendigkeiten), die sich dort bieten (oder auch verschließen) zu erkunden, macht man sich schnell selbst zum Versuchskaninchen im nicht mehr wirklich offenen Experiment.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der BBK zum Förderprogramm »Neustart Kultur« Künstler:innen sowohl Finanzspritzen für »Modernisierungsmaßnahmen hinsichtlich ihres digitalen Auftritts« in Aussicht stellt als auch ein Mentoring-Programm anvisiert, in welchem erfahrenere Kolleg:innen Förderung erhalten, um in einen verstärkten Austausch mit den Jüngeren zu treten. Zweigleisig zu fahren.
Es bleibt die Frage, und zwar für alle, die Kunst und Design machen oder zeigen (eigentlich für alle, die an einer Zukunft des Sozialen interessiert sind), wie die verlorenen Orte wiedergefunden und neu geschaffen werden können. Wie demokratisch ist der öffentliche Raum? Müssen sich, damit er demokratischer wird, mehr oder weniger Leute in ihm aufhalten? Welche Grenzen und Zäune durchziehen ihn, und wo sind die Lücken? Gibt die visuelle Strukturierung unserer Umgebung Orientierung oder engt sie abweichende Sinneserfahrungen ein und schafft Barrieren? Was passiert, wenn ein Raum sich in unterschiedlichen Medien verdoppelt, (wie) wird sein Abbild begehbar? Und ist es möglich, Räume zu recyceln, wiederaufzubereiten?