Vom Bauhaus bis nach Offenbach

Edith Strecker

Inklusion
Institutionskritik
Zeitgeist
Essay

Kann ein kreativer Schaffensprozess, kann Gestaltung richtig oder falsch sein? Das Bauhaus und die Hochschule für Gestaltung Ulm: Zwei Institutionen, bei der vor allem erstere nicht nur zur Gründungszeit hohe Wellen schlug, sondern bis in die heutige Zeit auf der ganzen Welt als Kunstströmung bekannt und geachtet ist. Beide Schulen waren beispielhaft ihrer Zeit voraus und folgten jeweils auf ihre eigene Weise einer neuen Art des Lehrens.

Die HfG Ulm gilt als Wegbereiterin und Vorbild für heutige Gestaltungshochschulen. Doch so groß das Ansehen beider Schulen war, so rapide verloren sie an Bedeutung. Waren es die falschen Ansätze zur falschen Zeit? Oder waren sie im Prinzip richtig, nur irgendwann nicht mehr aktuell genug, zu statisch und dogmatisch? Waren sie nur Sprungbrett für eine zeitgemäße, weitsichtigere Ausrichtung und Weiterentwicklung? Können Gestaltungshochschulen auf längere Zeit überhaupt ‚überleben‘ und lässt sich ein verbindlicher, allgemeingültiger Gestaltungsansatz in der Lehre einer Hochschule definieren und festlegen?

Im Folgenden möchte ich den Verlauf des Bauhauses, mit besonderem Augenmerk auf Hannes Meyer, und der HfG Ulm beschreiben und die möglichen Gründe für die Schließung beider Einrichtungen analysieren. 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, stellte das Bauhaus durch seine Konzeption etwas völlig Neues dar: eine Zusammenführung von Kunst und Handwerk zu einer neuen, alles umfassenden Baukunst. Sechs Jahre nach seiner Gründung zog das Bauhaus nach Dessau um, 1932 als private Einrichtung nach Berlin, die dann bereits ein Jahr später von den Nationalsozialisten zur Selbstauflösung gezwungen wurde.
Als Nachfolger von Walter Gropius kam der Schweizer Architekt Hannes Meyer 1928 ans Bauhaus. Bauen war für den neuen Direktor kein rein künstlerischer Prozess, sondern stets mit sozialen und weltanschaulichen Ideen verbunden. Unter Meyer veränderte sich das Bauhaus deutlich: Er kritisierte, dass das Bauhaus zu sehr von seiner Idee abgekommen sei, „für das Volk” zu gestalten, und stattdessen eine wohlhabende Käuferschicht bediente. Anders als Gropius rückte Meyer die soziale Frage in den Mittelpunkt des Studiums mit der Devise „Volksbedarf statt Luxusbedarf“. In Meyers pädagogischem Denken stand der Mensch im Fokus, an dessen Bedürfnissen sich Bauen und Gestalten orientieren sollte. Dies stand im Gegensatz zu Gropius Credo: „Kunst und Technik: Eine neue Einheit“.
Mit seiner Anstellung als neuer Bauhausdirektor begann Meyer sofort und konsequent mit der Reform der inneren Struktur, wobei es intensive Diskussionen unter Beteiligung der Studierenden gab, was es bis dato nicht gegeben hatte. Durch organisatorische Neuerungen veränderte Meyer das Bauhaus, so wie Gropius es aufgebaut hatte, komplett. Meyer weitete die Vorlehre deutlich aus und mit Pflichtkursen, die auf die Semester verteilt wurden, schuf er mit Klee und Kandinsky einen „künstlerischen Pol“ in der Ausbildung. Der Unterricht in den Werkstätten wurde zwischen den beiden Polen Wissenschaft und Kunst ausgerichtet. Neu war besonders aber die klare Trennung dieser beiden Disziplinen und die Tendenz zur Verwissenschaftlichung der gestalterischen Arbeit. Die Architekturabteilung wurde in „Baulehre“ und „Bauabteilung“ unterteilt und die Studienzeit auf neun Semester erhöht. Obwohl die Architektur anfangs nur einen sehr kleinen Fachbereich gebildet hatte, entwickelte sie sich zum wichtigsten des Bauhauses. Meyer regelte die finanzielle Basis der Werkstattarbeit neu und die innerbetriebliche Arbeit wurde umorganisiert. Eine weitere einschneidende Neuerung war, dass Meyer die Aufnahmeprüfung abschaffte und das Bauhaus dadurch auch für scheinbar „Unbegabte“ öffnete. Als die Zahl der Studierenden allerdings die Kapazitäten der Schule sprengte, da Werkstätten und das Bauhaus an sich an die Grenzen der Auslastung kamen, beschränkte Meyer die Höchstzahl der Studierenden auf 150.
Die Strukturreformen in Unterricht und Werkstätten waren aber vornehmlich in Meyers theoretischen Konzepten begründet. Die breite Bevölkerung sollte die neue soziale Zielgruppe der Bauhausarbeiten sein. Von der Gestaltung und Produktion von Luxuswaren, wie etwa den bekannten Stahlrohrmöbeln, wurde Abstand genommen. Meyer vertrat die Idee, dass alle Probleme der Lebensgestaltung und der Architektur rational-konstruktiv zu lösen seien und jeder Entwurfsprozess eine systematisch-wissenschaftliche Arbeit brauche. Ausgiebige Recherchen und Analysen der Ausgangslage, Problemstellung und Zielsetzung unter Berücksichtigung der Umgebung und Ressourcen waren nun Schwerpunkt der gestalterischen Arbeit der Studierenden. Dabei spielten vor allem empirische Forschungsmethoden aus den Sozialwissenschaften, die sich mit besonderen Bedingungen der Nutzer befasste, eine wichtige Rolle. Typ, Norm und Standard wurden neue formale Maßstäbe für die Gestaltung im Sinne des Allgemeinwohls.

Um den Studierenden ein holistisches Denken zu vermitteln, wurden diverse Gastvorträge organisiert und Experten aus verschiedenen geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereichen wie der Psychologie, Philosophie, Ethik, Ökologie und Stadtplanung eingeladen. Ziel des Ganzen sollte aber nicht sein, Gestalter zu Spezialisten auf verschiedenen Gebieten auszubilden, sondern den Studierenden die Möglichkeit zu geben, an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen teilzuhaben. Studierende sollten vor allem in kollektiven Arbeits- und Lebensmodellen agieren, da diese modellhaft für zukünftige Lebensreformen stünden. Psychologie und Kooperativismus galten als die beiden wichtigsten Bestandteile von Meyers Bauhaus-Lehre. Trotz aller, besonders für die Studierenden positiven Neuerungen, löste Meyers kommunistische Orientierung immer größere Spannungen aus – auch in der öffentlichen Akzeptanz des Bauhauses. Die Politisierung und Radikalisierung der Studierenden, der stärker werdende Einfluss der Kommunisten und die Öffnung der Schule für parteipolitische Aktivitäten führten letztlich zur fristlosen Kündigung Meyers im Jahr 1930.
Max Bill, der von 1927 bis 1929 Student der Metallwerkstatt und der Freien Malklasse am Bauhaus war, schrieb 1981 rückblickend über Hannes Meyer, dass dieser vor allem viele Anhänger unter den Studierenden hatte und die Erwartung groß war, dass er für eine neue Art des Bauens stehen könnte. Die Studierenden forderten zu dieser Zeit einen größeren gesellschaftlichen Bezug und neue Herangehensweisen, denen Gropius nicht gerecht geworden war. Dieser sei zu abgehoben gewesen, im Gegensatz zu Meyer, der viel umgänglicher gewesen sei. Meyer habe mit seiner Zeit in Dessau, die gesellschaftlichen und sozialen Probleme in die Schule und Lehre getragen und sei stark auf die Erfordernisse des Alltags eingegangen. In den Augen der Studierenden bestand unter Gropius die Gefahr, dass das Bauhaus und das Gebiet der Architektur zu einer Mode verkomme, elitär und weltfremd gerate. Auch wenn es politische Uneinigkeiten mit Meyer gegeben habe, sei dieser immer offen für Diskussionen gewesen und habe Dinge in Bewegung gebracht. Meyer sei mit seinem extremen Marxismus zwar auf viel Gegenwind gestoßen, bei den Studierenden habe diese Radikalität jedoch Anklang gefunden, da vieles infrage gestellt wurde, vor allem als die politische Lage in Deutschland mit dem Erstarken der Nationalsozialisten schwierig wurde. Bill, der 1953 Mitbegründer und erster Direktor der HfG Ulm wurde, behauptete, das große Problem, nicht nur des Bauhauses, sondern aller Universitäten inklusive der HfG, sei, alles zu zerreden.

Die HfG Ulm bestand von 1953 bis 1968. Basis des Ausbildungskonzept war es, wissenschaftlich-technische sowie künstlerisch-gestalterische Fähigkeiten und Kenntnisse mit dem Bewusstsein gesellschaftlicher Verantwortung und Bildung zu verbinden. Nachdem Max Bill nach harten Kontroversen über die pädagogische Ausrichtung des Lehrbetriebs mit den anderen Lehrenden als Rektor zurückgetreten war und schließlich die Hochschule verlassen hatte, wurde der Lehrplan stärker an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und deren Nutzen für die Gestaltung ausgerichtet. Alles unterstand einer starken Mathematisierung. Der entwickelte Ansatz des Gestaltens von gesamten „Systemen“ lenkte internationale Aufmerksamkeit auf Ulm. Dennoch hielten interne Streitigkeiten an: Auf der einen Seite bestand die Forderung nach einer mehr mathematisch-orientierten Unternehmensanalyse und einem wissenschaftsorientierten Lehrkonzept, auf der anderen Seite wollte die Opposition Gestaltung nicht nur auf rein analytische Methoden reduzieren. Dies hatte zur Folge, dass über die Jahre die Förderwürdigkeit der Schule zunehmend in Frage gestellt wurde. Die Geschwister-Scholl-Stiftung, als Träger der HfG, verschuldete sich immer mehr, die Streichung von Zuschüssen führte schließlich zu einem eingeschränkten Lehrbetrieb. Als auch das Land seine Zuschüsse einstellte, da keine schlüssigen Lehrpläne vorgelegt werden konnten, sah sich die Stiftung gezwungen, die Hochschule zu schließen.

Mit dieser kurzen Zusammenfassung des Werdegangs des Bauhauses und der HfG Ulm wird schnell klar, dass sowohl bei der einen als auch bei der anderen Institution vor allem gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen und damit einhergehend der Streit über Ausrichtung, Funktion und Ziele von Gestaltung und Design immer wieder zu Umbrüchen und letztlich zur Existenzfrage führten. Eingeräumt sei allerdings, dass beide Schulen in schwierigen politischen Zeiten bestehen mussten. Die Nationalsozialisten zwangen das „kommunistisch geprägte“ Bauhaus zur Schließung, und die 50er und 60er Jahre waren geprägt vom Willen zum Aufbau einer neuen demokratischen Gesellschaft, von Industrialisierung und Kommerzialisierung, Kaltem Krieg und der Studentenrevolte der späten 60er Jahre. Veränderungen, Neuausrichtungen – oder das Ringen darum – waren sowohl im Bauhaus als auch an der HfG Ulm immer persönlich motiviert. Abhängig jeweils von der Überzeugung und den konträren Standpunkten der Lehrenden, die miteinander kategorisch um ihre Sichtweisen konkurrierten, um den ihrer Meinung nach „richtigen“ oder „falschen“ Weg.

Kann nun aber, wie ich eingangs fragte, Design „richtig“ oder „falsch“ sein? Sowohl die Ansätze und Ziele des Bauhauses als auch die der HfG Ulm hatten ihre Berechtigung. Meyer mit seiner starken sozialen Ausrichtung während der Weltwirtschaftskrise und der Machtergreifung der Nazis, aber auch der klare naturwissenschaftliche Ansatz eines massen- und industrietauglichen Designs in Ulm waren beide wegweisend und können als Antwort auf Belange der Zeit und ihrer Lebensumstände gesehen werden. Das Dilemma liegt aus meiner Sicht im Absolutheitsanspruch der einzelnen, konträren Positionen und darin, dass im Sinne einer zukunftsfähigen Ausrichtung und Aufstellung der Schulen kein Konsens für ein Nebeneinander verschiedener Ansätze und Lehrmeinungen möglich war – als könnte die Identität der Institution nur durch eine einzige Richtlinie und Lehrmeinung definiert werden. Vermutlich erklärt sich der Absolutheitsanspruch der jeweiligen Position und das harte Ringen um den richtigen Weg dadurch, dass die damals beispiellosen neuen (Kunst-)Hochschulen erst ein eigenes Profil und eine eigene Identität aufbauen und sich von den bisherigen Kunstströmungen abgrenzen mussten.
Der teils heftige Streit über „richtige“ Ansätze ist an Gestaltungs- und Kunsthochschulen bis heute geblieben. Ebenso die Frage, wie sich Gestaltung und die damit verbundenen Prozesse beurteilen lassen. Dies umso mehr in unserer sehr individualisierten Gesellschaft und zugleich globalen Welt mit sehr heterogenen Lebensumständen und Bedürfnissen. Auch an der HfG Offenbach gibt es darüber Differenzen und Polarisierung. Im stetigen Wandel der Zeit, der Digitalisierung unserer Welt und der Fortschritte und Konkurrenzen in Technologieentwicklungen weltweit scheint dies unvermeidbar. Wenn ich mir die HfG Offenbach in 50 Jahren vorstelle, weiß ich nicht, ob es die Fächer und Kurse, so wie wir sie kennen, noch geben wird. Doch es gilt, die Fortschritte, die Vielfalt an Erkenntnissen und unterschiedlichen Perspektiven konstruktiv zu nutzen. Bei aller Heterogenität unserer modernen Zeit gibt es doch übergeordnete Fragen, die Menschen überall auf der Welt betreffen und ganz grundsätzlich Ansätze von Gestaltung und Design definieren: Nachhaltigkeit und Nützlichkeit für die Menschen. Das „Wie“ und der Weg dahin mag je nach Umstand und Bedarf vielgestaltig sein.

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#24Off_lineDiskurse über Zukunft – Bernd Kracke, Matthias Wagner K