Überseeisch. Weit. April

Nina Wood

Zeitgeist
Essay

Über dem Deckengewölbe der HfG gab es die letzte totale Sonnenfinsternis am 11.08.1999, als der Kernschatten des Mondes über Süddeutschland und Österreich zog.

Erzählung des Himmels.
Die Erde und die Sonne.
Beide erschienen den Beobachter_innen mit annähernd dem gleichen Durchmesser.

Unwahrscheinlich.
Vor fast 22 Jahren.
Wir sind geblieben.
Die Lage ist verändert.
Fantasie besteht.
Oder nicht.

Oder anders.
Wenn die Lage verändert ist, wie wird man zu jemanden, der sich nicht in der Lage fühlt?
Und wie gehen wir damit um?

Geht nicht die Rede von Morgen ist ein neuer Tag von der Fülle aus und droht so gleichzeitig mit dem Ausbleiben möglicher Fülle?
Wann entgeht das Morgen ist ein neuer Tag mit knapper Not der Todesangst?
Lässt es sich klar trennen vom Augenblick, wenn uns nach unserem sehr langen Tag kaum Zeit bleibt, alles Draußen auszusperren, die Vorhänge zuzuziehen, die Lichter zu löschen, in der Hoffnung auf lange Stunden der Ruhe?

Von der Fülle ausgehen, mit ihr rechnen und auf sie setzen .
Von Mary McCarthy erfahre ich, dass Michelangelo gesagt haben soll, er verstehe die Malerei als eine Kunst, die ihr Ziel durch Hinzufügen erreicht; unter Bildhauerei dagegen eine Kunst, Überflüssiges wegzunehmen.

Maler_innen fügen also hinzu. Kästchen, Ellipsen, Ozeane, Flammen, Autobahnen, Arbeit, Eigentum, Müll, Reste, Abfall .
Bildhauer_Innen tragen ab.
Stein, Holz, Wachs, Kohle, Getreide, Wildnis.

Abtragung.
Abwertung.
Aufwertung.
Die Überflüssigen.
Erfahrung ins Normale.
Wie spricht man davon?

Die Enge vor dir auflösen.
Körperlich isoliert zu sein ist schrecklich.
Körperlich involviert zu sein auch.

Wir sind sozial verbunden und hängen doch die meiste Zeit vor technischen Apparaten. Ich hasse das. Ich wende mich vom Bildschirm ab. Dazu platziere ich meinen Laptop parallel zur Teppichkante auf den kalten Steinkacheln und hocke mich davor. Allerdings mit dem Rücken zum Bildschirm, den ich in einen Winkel von ungefähr 60 Grad klappe, sodass es der Zoomkamera schließlich nur noch gelingen kann, meine entblößten Fußsohlen zu rahmen. Fältchen von Haut aus dem eigenen Vorrat nehmen. Risse und Schrunden zur Sicht kehren. Im Seminar offenbaren mir meine Kommiliton_innen, dass sie mein Livebild an die Füße betender Apostel_innen erinnert. Und an die Klagen jener, die vor einem einzigen Fenster knien, vor dem sie gelegentlich noch Kerzen anzünden . Nachdem ich mich an den Gedanken, ob das schadet, verloren habe, versuche ich mich jetzt zu erinnern, wer mir sagte, dass der Wille zur Veränderung alleine nicht reicht, sondern dass ich mich wirklich dahinterknien muss. Mach ruhig! Versuch’s! Nicht nur in die Knie gehen, sondern sich abwenden und nur noch mit dem Rücken zu den Leuten sprechen. Man würde doch nicht die Orientierung verlieren, wenn uns beim Ausdrücken niemand mehr ansähe.

Gesichter verschwinden.

Augen sind erloschen.
In der Weite.
Oder blicken uns Vorwürfe an?
Kann man da was hören?
Menschliche Stimmen?

Ich weine. Wie kann es sein, dass uns die Odyssee unsterblich erscheint, obschon Homer von der Farbe Blau nie ausdrücklich sprach? Was wäre eine Erzählung vom Himmel, die alle begrüßt ihre
Farben auf verschiedene Weise zu durchqueren.

Ich lese:

Einen weißglänzenden, prächtigen Rock aus feinem Gewebe warf die Nymphe sich über.
Schwarz an der Wurzel war sie, wie Milch erglänzte die Blüte.
Ein saftig grünender Hain, der die Grotte umkränzt.
Ragende Bäume standen darinnen, in üppigem Grünen, Birnen, Granaten und Äpfel, behangen mit prächtigen Früchten, köstliche Feigen, dazu noch Oliven in prangender Fülle.
Goldgelber Weizen. Gelber Honig.
Die Nachtigall, rostrot und gelblich.
Rotbraune, stattliche Tiere .
Rötliche Stiere.
Rötlicher Nektar.
Rötlicher Wein.

Szene, in der sich selbst Trauernde abwenden.
Das Tafelbild: Die Grablegung Christi (Michelangelo). Unten zeigt sich eine recht flache, mehrstufige Felstreppe, die ins Zentrum schwenkt. Die Figuren auf dem Grund tummeln sich so, dass die Anonymität untereinander ihnen droht, sie voneinander zu trennen. Die unsichtbaren, zwischen ihnen gesponnen Fäden fliegen in ovalen Kreisen über sie hinweg. Statt sich in der geteilten Praxis solidarisch zu fühlen, wirken die Einzelnen im Gemälde so, als spürten sie, dass sie Einsame sind . Warum sonst erscheint das Gemälde außergewöhnlich? Weil alle rauswollen und wir
keine Vorstellung davon haben, wie das aussehen soll? Weil wir unter all den Fünf, die um den Toten in der Mitte zusammenkommen, nur eine Person sehen, die ihn mit bedächtiger Sorge anschaut? Was sind die Bedingungen, unter denen Beteiligte meinen können, sie stellten sich einer Situation völlig unabhängig? Oder irritiert uns das Bild, weil Johannes der Täufer wie eine Buspredigerin wirkt, die ihre Muskeln adonishaft herausstellt, während sie unter ihrem hell leuchtend orangefarbenen Gewand scheint Brüste zu haben? Ließe sich so eine Erzählung vom Himmel beginnen, eine, in der Johannes der Täufer weder »er« oder »sie« wäre, noch sein müsste, sondern eine, die erlauben würde sorgender Mensch zu sein?

Nun. Auf welches Bedürfnis reagiert das Trauern?

Es wird übrigens vermutet, dass das Gemälde unten rechts leer bleiben musste, weil die Farbe Blau nicht rechtzeitig geliefert werden konnte. Und da sich Michelangelo vom business as usual kaum schützen konnte, ihn Florenz bereits forderte, seiner Arbeit am David nachzukommen, musste es ihm letztlich entgehen, die Jungfrau Maria und ihr blaues Gewand in die Komposition in Rom einzufügen.

Was ist mit Gesang?
Die wollenden Stimmen, die viele in den 90er Jahren gefeiert haben, sind die von Romina Power und Al Bano. Hatte man sich um die Jahre, als sie durch ihre italienische Popballade Felicità weltberühmt wurden, von ihrem Familienglück täuschen lassen? An keiner anderen Stelle tönt das Glück so hilflos wie ein beispielhaftes Leben:

Senti nell'aria c'è già
La nostra canzone d'amore che va
Come un pensiero che sa di felicità

Und an was erinnern uns die Syntheziser heute, wenn sie so mechanisch klingen wie eine patriarchale Ehe als solche? Es ist wenig verblüffend. Das ist halt eine Versuchung, der zu widerstehen schwerfällt. Wenn man ankommen will. In der romantischen Liebe. In den eigenen vier Wänden. In der Geborgenheit. In dem zu Hause. Und jetzt heute. Sind wir noch Teil des Glücks oder Teil der Tragödie? Reden wir von Tragödie, weil 1994 Banos und Powers älteste Tochter
spurlos verschwand und sie 2014 für tot erklärt wurde, obwohl ihre Leiche nie gefunden worden ist?

Welche Leben leben untot?

Folgende Frage wird Romina immer wieder gestellt: Lässt sich damit irgendwann abschließen?
Ein grundsätzlicher Fehler besteht darin, dass man durch eine solche Frage versucht, das Mensch-Sein vom Menschen abzulösen. Wie sollte man je damit abschließen können als Mensch, wenn man Mensch dabei bleiben will. Oder geht es hier darum, einer Frau den Stempel eines Willens aufzudrücken? Oder darum, die Mutter durch Mitleid zu ontologisieren. Oder die Familienliebe. Oder den Familienvater. Oder Stiefliches. Oder Scheußliches. Oder Gutes. Oder Böses. Dann blieben die Konstanten fürs ganze Dasein.

Von Marx können wir lernen, dass man die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann, indem man ihnen ihre eigene Melodie vorspielt.

Überseeisch. Weit. April.
Lass’ einen Raum fühlen, der nicht lästig ist, nicht aufdringlich, nicht drückend, sondern einen, der uns nach sich zieht. Wie das Meer, das nach einer toxischen Nacht auf dem geplatzten löchrigen Asphalt zur Ruhe kommen kann.

Zu den Löchern.
Weder können wir hineinspringen noch sie so schließen, dass sie nicht mehr spürbar sind.
Der Wind weht durch.
Und es gibt keinen Kern.
Und es entsteht auch keiner im Glück.
Höchstens zwischen uns. Zum Glück! Zum Glück!
Es wäre auch weniger schamvoll, wenn wir aufmerksamer mit dem Leben wären bzw. sensibler mit jenen, aus deren Leben unser Leben etwas macht.

03.09.2081
Wenn, dann, ereignet sich die nächste totale Sonnenfinsternis am Himmel über der HfG.

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