Ferdinand Kramer und der Neubau der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Ein Gedankenspiel

Anna Bischoff

Institutionskritik
Zeitgeist
Essay

Ferdinand Kramer. Ein kurzer Überblick

Carl Friedrich August Ferdinand Kramer (1898-1985) war ein Frankfurter Architekt und Designer des Funktionalismus/Minimalismus. Seine Eltern besaßen ein renommiertes Hutgeschäft in der Frankfurter Innenstadt, prägend für seinen beruflichen Werdegang sind allerdings die Einsichten, die er in der Werft seines Großvaters gewinnt: Hier kommt er frühzeitig mit „präzis gezeichneten Schiffsplänen und technischen Lösungen eines Handwerks, das höchste Qualität mit sparsamsten Mitteln fordert: Formen, die das Resultat von Zweck, Material und Arbeit sind“*, in Berührung. Genau jene Attribute, die auch Kramers spätere Arbeitsweise kennzeichnen sollen.
1924 wird Ernst May auf die Arbeiten Ferdinand Kramers aufmerksam und stellt diesen ein Jahr später in der Abteilung für Typisierung des Hochbauamtes der Stadt Frankfurt ein wo er das „NEUE FRANKFURT“ mit gestaltet. Dieses Stadtplanungsprogramm (entstanden zwischen 1925 und 1930) setzt in vielen Bereichen bisheriger Städteplanung komplett neue Maßstäbe.

Wegen der nationalsozialistischen Politik und der damit aufgrund von Kramers beruflicher wie privater Einstellung verbundenen Einschränkungen emigriert Kramer im März 1938 in die USA, wo er bis zu seiner Rückkehr im Jahr 1952 als Mitarbeiter verschiedener Architekturbüros und Leiter zweier Siedlungsgesellschaften tätig ist.

Dem Ruf von Max Horkheimer (zum damaligen Zeitpunkt Rektor der Johann Wolfgang Goethe-Universität) folgend, kehrt Kramer nach Frankfurt zurück und übernimmt hier die Leitung des Bauamtes der Universität. Für das durch den Krieg fast zu 85 % zerstörte Universitätsgelände realisiert er zwischen 1952 und 1964 insgesamt dreiundzwanzig neue Hochschulgebäude samt Ausstattung, vom Türdrücker bis hin zum Mobiliar. Dabei gilt es, mit einem Minimum an zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst effizient zu bauen, wofür sich insbesondere die Anwendung von Typisierung und Modularisierung anbot, sprich industrielle Produktion, die Kosten und Zeit erspart und sich flexibel anwenden lässt. Seine Gestaltung zeichnet sich durch ein Höchstmaß an Normierung und Modularisierung aus, die im Fall der Universitätsgestaltung zusätzlich auf einem Rastersystem basiert. Aufgrund seiner ästhetischen Überzeugung sowie knapper Rohstoffe verzichtet Kramer außerdem auf jegliche Form von Ornamentik ohne Funktion. Er plant nicht nur die Architektur, sondern auch die Inneneinrichtung bis ins kleinste Detail, neben Möbeln, die er selbst entwirft, auch Vorgaben für alle anderen Einrichtungs- sowie Ausstattungsgegenstände. Diese reichen vom Mensageschirr bis hin zu der verwendeten Schriftart, vom Innenleben von Schreibtischschubladen über Mülleimer, Karteikartenregistraturen bis hin zu Gebäudebeschriftungen und das Wegeleitsystem.

Typisch für Kramers Architektur sind deren Funktionalismus und Geradlinigkeit sowie die Verwendung vergleichsweise einfacher Materialien: So bestehen nahezu alle Bauten an der Universität aus einem Stahlbetonskelett, welches mit Klinkern ausgefacht ist. Diese Skelettbauweise führt dazu, dass keine tragenden Wände im Gebäudeinneren vorhanden sind und so die Raumaufteilung flexibel gehandhabt werden kann. Eine zur damaligen Zeit innovative Vorgehensweise. Kramer ist allerdings ebenso wichtig, dass nicht alle Elemente – wie beispielsweise Möbel neu erfunden werden müssen, sondern er auch auf bereits bestehende funktionale Elemente oder Mobiliar zurückgreifen kann, wie z. B. Die Standard-Bürodrehstühle der Deutschen Post oder den Eron-Stuhl, den er für die Universität lediglich anpasst.

Auch bei der Umgestaltung des Eingangsportals des historischen Hauptgebäudes findet sich dieser Ansatz wieder: Hier lässt Kramer lediglich die Ornamente und das ursprüngliche Portal entfernen, verbreitert den Eingang und tauscht die schweren Holztüren durch mehrreihige Glastüren aus, die den Eingang so einladender, heller und transparenter gestalten. Das neue Entree soll so auch visuell die Öffnung der Universität für alle Bevölkerungsschichten symbolisieren. Auch verlegt Kramer das Rektorat ins Erdgeschoss, um den Rektor so buchstäblich „auf Augenhöhe mit den Studierenden“ zu holen, und trennt ebendieses auch nur durch eine transluzente Wand aus Glasbausteinen vom Foyer ab. Gleiches gilt für die Einrichtungsgegenstände, so findet das gleiche Mobiliar sowohl in Räumlichkeiten für Lehrkräfte wie auch für Studierende Anwendung.

In Anbetracht der Innovationen des Neuen Frankfurts (nicht zuletzt durch die Gestaltungsgrundlagen Ferdinand Kramers) und seines späteren Konzepts für den Wiederaufbau der Goethe-Universität wäre es vielleicht eine Überlegung wert, wie man heute mit dem Erbe dieser Gestaltungsgrundlagen umgehen könnte? Im Rahmen des 50-jährigen Bestehens der Hochschule für Gestaltung Offenbach und der Planung von deren Neubau könnte man sich die Frage stellen, wie die Architektur und Gestaltung der Innen- und Außenräume des neuen Campus aussehen könnten, hätte man Ferdinand Kramer mit deren Bau beauftragt. Wer wäre prädestinierter dafür als er mit seinem reichen Erfahrungsschatz und der Planungskompetenz bezüglich der Goethe-Universität?

Die damaligen Lebensumstände machten eine Steigerung der Lebensqualität im und um den Wohn- und Arbeitsraum unabdingbar und forderten eine neue, durchdachte, modernere, effizientere und lebenswerte Stadtplanung. Und auch heute noch ist Platz in der Stadt Mangelware. Eine zunehmende Bevölkerungsdichte, ein erhöhtes Verkehrsaufkommen und Umweltfaktoren verlangen nach neuen Ansätzen, die auch den neugeplanten Hochschulbau tangieren. So rücken Kriterien wie Nachhaltigkeit, Klimaneutralität, Langlebigkeit und effektive Raumnutzung in der heutigen Zeit stärker denn je in den Fokus.

Die Hochschule für Gestaltung Offenbach heute

Derzeit besteht die HfG aus mehreren Gebäudekomplexen, verteilt auf verschiedene Standorte in Offenbach. Eine kleine Studierendenschaft sorgt gewiss für ein vertrautes Verhältnis zwischen Lehrkräften und Studierenden, jedoch mag ein richtiges „Campusgefühl“ schon allein aufgrund der Zersiedelung nicht aufkommen. Häufig ist der derzeitige Campusvorplatz (der Platz zwischen Hauptgebäude und Isenburger Schloss) verwaist und so manchem Mitstudierenden begegnet man während seiner gesamten Studienzeit nicht ein einziges Mal. Viele Studierende müssen aufgrund der verschiedenen Hochschulstandorte von einem zum nächsten Seminar quer durch die Stadt pendeln, worunter neben dem Zeitfaktor auch das Campusleben leidet. Die Gebäude sind aufgrund ihres Alters teilweise in marodem Zustand, die sanitären Einrichtungen sind heruntergekommen. Die Hochschulräume sind je nach Gebäude teils sehr schlecht isoliert, was im Winter zu kalten, im Sommer zu aufgeheizten Räumen führt und was die Akustik durch den direkt angrenzenden Verkehr teils miserabel macht. Einige der Räume verfügen über äußerst schlechte Lichtverhältnisse, andere weisen aufgrund der in den Jahrzehnten gewachsenen Anzahl an Studierenden einen erheblichen Platzmangel auf. Auch der nachträglich angebaute Gebäudekomplex, der die Cafeteria beherbergt, bietet nicht annähernd genug Platz für alle Studierenden. Eine Mensa oder gar Säle, die für die Studierenden fachübergreifend zu jeder Tages- oder Nachtzeit frei nutzbar sind, sind gar nicht oder nur vereinzelt vorhanden.

Der Neubau. Ein Gedankenspiel

Wie könnte also ein innovativer HfG-Campus im Jahre 2021 für Ferdinand Kramer aussehen? Seine Gestaltungsrichtlinien gelten auch heute noch bei vielen als zeitlos und werden auch aktuell von Designern und Architekten angewendet. Auch Kramer-Bauten finden immer noch Anklang und einige seiner Möbel und Accessoires wie Handtaschen werden von Designbüros und Architekten von neuem aufgelegt.

In Kramers Planung des Hochschulgeländes würden daher sicher auch heutzutage noch viele seiner Gestaltungsgrundsätze Anwendung finden, wie beispielsweise Bereiche offen und zur flexiblen Nutzung zu gestalten, diese nicht auf Fachbereiche oder feste Funktionen festzulegen, sondern je nach Bedarf zu variieren oder umzuwandeln. Die Trennung der Fachbereiche würde ohnehin aufgelöst und vielleicht hätte Kramer die Modularität so weit auf die Spitze getrieben, Module nicht einmal mehr eindeutig zu definieren. Ein Regalsystem beispielsweise wäre so beschaffen, dass man daraus neben einem Regal auch eine Arbeits- oder Sitzfläche modifizieren könnte. So würden sowohl Material- und Platzersparnisse wie die Variabilität maximiert. Auch Wandmodule ließen sich so in Arbeitsflächen umwandeln und Raum- und Arbeitsflächen flexibel je nach Bedarf (ob als horizontale Arbeitsfläche, vertikale Präsentationsfläche oder „aufgelöst“ als in Wand- oder Bodenflächen eingelassene Fläche) anpassen.
Die Außenwände würden überwiegend aus deckenhohen Glasflächen (ähnlich denen der Kramer-Gebäude der Goethe-Universität) bestehen. Dies würde einerseits die Trennung von Innen- und Außenbereichen aufzulösen und die Außenwelt als Inspirationsquelle mit einbeziehen und andererseits durch das natürlich einfallende Licht von außen sowohl für ausreichend Helligkeit und angenehme Lichtverhältnisse sorgen als auch Energie einsparen. Zusätzlich hätte Kramer vielleicht sogar die räumlichen Grenzen komplett verschwimmen lassen, so würden durch mobile sich öffnen lassende Außenwände variable Raumgrößen ermöglichen, bei denen man nicht nur auf geplante Ereignisse wie Ausstellungen oder Vorstellungen reagieren, sondern auch auf Jahreszeiten und Wettergegebenheiten eingehen könnte.
Außerhalb der Vorlesungszeit wäre eine einfache und schnelle Umnutzung von Lehr- in Freizeiträume möglich, beispielsweise für Vorträge, Workshops, Sportaktivitäten, Musik- oder Filmvorführungen. Und natürlich wäre auch Wohnraum mit in den Campus integriert, um so auch die Grenzen zwischen Lebens- und Lernraum aufzulösen und auf diese Weise nicht nur kürzere Arbeitswege zu schaffen, sondern auch die Möglichkeit zu bieten, das Gemeinschaftsgefühl untereinander zu fördern. Möglicherweise wären Hochschulgebäude und Wohngebäude gar hybrid, um Flächen und Energie effizient zu nutzen. Viele Aufenthalts- und Arbeitsflächen in den Innen- wie Außenbereichen, die rund um die Uhr für die Studierenden zugänglich sind, würden zusätzlich die Lebensqualität und Lernattraktivität steigern.

Viele neue und nachhaltige Materialien kämen zum Einsatz, solche, die aufgrund ihrer Eigenschaften klimaregulierend wirken, oder Baumaterial mit selbstreparierenden Eigenschaften ähnlich denen von Biozement. Auch hätte Kramer zur Gestaltung des Mobiliars eng mit den Studierenden zusammengearbeitet, die die Möbel direkt in den hochschuleigenen Werkstätten hätten fertigen können.

Im eigenen Hochschulgarten würden die Studierenden ihre eigenen Lebensmittel für die Hochschulmensa anbauen und so die Kosten sowie den CO2-Fußabdruck verringern. Die Bepflanzungen würden die Gebäudetemperatur nicht nur zusätzlich regulieren, sondern auch die Luftqualität verbessern und die Gebäude darüber hinaus visuell in die Umwelt einbinden. So würden sich Pflanzen nicht nur um die Gebäude herum befinden, sondern auch an deren Fassaden und auf ihren Dächern. Durch die Nutzung dieser „high density nature“ – also hochverdichteter Natur am Außenbereich, ganz nach dem Vorbild von WOHA Architekten aus Singapur, würde zusätzlich ein Vielfaches der Grundfläche für Begrünung genutzt werden. Zu guter Letzt könnten selbst Innenflächen der Hochschule für „Indoor Farming“ eingesetzt werden, so wie es Kono Designs in einem neunstöckigen Bürogebäude in Tokyo vorgemacht hat. Dort hängen in Konferenzräumen Tomatenreben von der Decke und auf einer Gesamtfläche von fast 4000 Quadratmetern werden insgesamt 200 Arten von Obst, Gemüse und sogar Reis angebaut.

Sicherlich hätte Kramer sich auch neue digitale Neuerungen zunutze gemacht, um den Campus mit „Intelligenz“ zu versehen um beispielsweise das Gebäudeklima oder dessen Bewässerungssystem automatisch zu steuern. Durch Materialien wie Vakuumverglasung, für eine effektive Wärmedämmung und Schallisolierung, Photovoltaikmodule auf den Dächern des Komplexes, Lüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung und die Nutzung von Abwärme würde so die Hochschule klimapositiv – sprich, sie würde mehr Energie erzeugen als verbrauchen. So böten sich in der heutigen Zeit also unzählige Mittel und Möglichkeiten, eine Hochschule mit Modellcharakter zu gestalten.

In Anbetracht der Vorreiterstellung, die das Neue Frankfurt bereits 1925 in Hinblick auf innovative Stadtplanung eingenommen hat, liegt die Vermutung nahe, dass Kramers Gestaltungsgrundlagen bis zum Jahr 2021 in den städteplanerischen Grundlagen der Stadt Frankfurt längst tief verankert sind – ja mittlerweile wahrscheinlich sogar weiterentwickelt wurden und bei heutigen Projekten standardmäßig Anwendung finden. Doch weit gefehlt.

Betrachtet man neuere, bereits realisierte städtebauliche Projekte in Frankfurt, so muss man sich unweigerlich fragen, ob diese Grundlagen der Gestaltung in der Stadtplanung überhaupt noch zum Tragen kommen, finden sich im Stadtbild doch leider noch genügend Negativbeispiele wie beispielsweise am Frankfurter Europaviertel. Hier findet man sich in einer gänzlich sterilen, in Rekordzeit hochgezogenen, völlig austauschbaren Umgebung wieder, in der einem schnell bewusst wird, was man alles falsch machen kann und wie man Lebensraum möglichst unattraktiv und ineffizient gestaltet. Ein komplett neues Viertel ist entstanden, das so scheint, als sei es bedauerlicherweise völlig losgelöst von seiner Umgebung geplant worden und ohne jegliche Intention, die angrenzenden architektonischen, sozialen oder ökologischen Strukturen zu berücksichtigen oder sich gar in diese einzubetten.

Bleibt zu hoffen, dass den zuständigen ArchitektInnen des Neubaus der Hochschule für Gestaltung Offenbach etwas von Kramers Zeitgeist und Weitsicht, seinem Mut und Durchsetzungsvermögen trotz äußerer Widerstände zu innovativem und vorausschauendem Design innewohnt und dass sie den Campus visionär, funktional und verantwortungsvoll gestalten, sodass dieser vielleicht auch noch in 50 Jahren als gute Gestaltung geschätzt wird.

*Quelle: http://www.ferdinand-kramer.org/vita.html 1. Abs. Z. 6-7; 30.10.2020

00:00
0
#24Off_lineDiskurse über Zukunft – Bernd Kracke, Matthias Wagner K