Design hat einen ganz besonderen Klang. Wenn man das Wort ausspricht, arrangieren sich Farben und Formen vor dem geistigen Auge, man denkt an Produkte, die irgendwie ungewohnt, aber toll aussehen, man merkt sich solche Dinge gerne für den Fall, dass man sie doch irgendwann einmal kaufen könnte, die hochpreisigen Renn-Autos, Küchen-Zeilen oder hyperraffinierten Leucht-Installationen, wie sie uns in Hochglanz-Broschüren oder den Extra-Rubriken der Online-Medien entgegenkommen.
Das besondere Design meint dann eine besondere Linie, einen besonderen Schwung, eine unglaubliche Verwegenheit beim Weglassen oder ein Feuerwerk an Luxuriösem, das man im Alltag so nie mehr wiederfindet, und am besten wohl auch gar nicht erst danach sucht.
Unbestritten: solches Design gibt es, und Werbung und Zeitschriftenportale bedienen sich solcher dinggewordenen Sehnsuchtsvorstellungen und setzen uns die passenden Bilder dazu in den Kopf. Unbestritten ist aber auch, dass jene so geliebte Außendarstellung mit dem Wesen und der Innenansicht von Design fast nichts zu tun hat. Denn Design ist kein Sahnehäubchen, das sich eine ausufernde Konsumkultur auch noch gönnt, kein Zusatz zu den Dingen, den man im Grunde auch wieder abnehmen könnte, keine bloße Verhübschung des Alltags. Das alles ist nur Hörensagen, und man versteht die Absicht und den Clou von Design nicht gut, wenn man sich Derartiges immer wieder einreden lässt.
Design hat eine besondere Anmutung. Und dabei hat Design einen ganz besonderen Witz. Wer Designprodukte anschaut oder auch in die Hand nimmt, merkt nämlich schnell, dass kein anspruchsvolles Design einfach nur schön, raffiniert oder verwegen aussehen will, wenn überhaupt. Design ist immer auch eine Einladung, den Deckel zu heben, den Schalter umzulegen, mit einem bestimmten Wisch oder Wusch das Ganze zu einem besonderen und eigenen Leben zu erwecken. „Ach, so geht das“ – das ist der erste Moment, in dem man merkt, dass wirklich Design am Werk ist und dass sich da jemand wirklich Gedanken gemacht hat. Man findet dann zwar manches wieder, was man schon kennt und irgendwie auch gewohnt war, man findet es aber so anders angeordnet und so neu durchdacht, dass mit dem „Ach“ eine kleine und stille, aber echte Bewunderung verbunden ist. Man muss sich dann nämlich eingestehen, dass man die Dinge bisher viel zu kompliziert und umständlich angegangen ist, dass es andere Wege gegeben hätte, mit dem fraglichen Problem fertig zu werden und vor allem – ganz wichtig: dass es bessere, einfachere, rücksichtsvollere, von mir aus auch ‚geniale‘ Arten und Weisen gegeben hätte, um echte Lösungen zu finden.
Die Freude am Design – die wahre Freude – besteht demnach zuletzt nicht darin, dass man einfach das bisherige Problem neu verpackt zurückbekommt. Die Freude am Design stellt sich vielmehr dann ein, wenn man merkt, dass sich das Problem von früher einfach aufgelöst hat. Es ist nicht mehr da, es ist verschwunden dadurch, dass man Abläufe und Gewohnheiten, Handgriffe und Zugangsarten und das ganze Arrangement der Sache so verändert hat, dass sich die früheren Mühen wie von Zauberhand auflösen – oder es bestenfalls noch Spaß macht, das noch verbleibende Restengagement zu leisten. Das meint dann ‚genial‘: Problem nicht mehr vorhanden. Man kann also das tun, was man eigentlich und immer schon wollte. Das beginnt bei der Zitronenpresse, in der uns der Saft fast von alleine ins Glas zu fließen scheint, und endet bei der Mondrakete, mit der ich schon da bin, noch bevor ich mich überhaupt auf den Weg gemacht habe. Letzteres ist ein Scherz, aber auch ernst gemeint. Man denke an die eigenartige Überraschung, die uns zurzeit der allgemeine Homeoffice beschert.
Ein Verkehrsproblem von A nach B wird gelöst, indem man einfach A und B ein und denselben Ort sein lässt. So denkt Design, wenn es echtes Design ist: grundsätzlich. Und dazu gehört dann zuletzt auch, dass ein klassisches Büro eben auch noch seine Aufgabe behält. Vielleicht schaffen wir es ja tatsächlich, daraus einen Ort der Begegnung zu machen, einen Ort, an dem man gemeinsam nach Ideen sucht und wirklich etwas von sich hat. Wäre doch schön, wenn man an der Stelle seine Zeit nicht mehr mit Büroarbeit verbringt, die man leichter und besser auch von zuhause aus erledigt. Oder wir denken das alles noch einmal ganz anders. Vielleicht müssen wir ja das ganze Konzept der Arbeit neu durchgehen.
In der Ausbildung zum richtigen Gestalten geht es also um Grundsätzliches. Es gilt, sich eine Welt vorzustellen, in der unsere bisherigen Probleme eindeutig weniger werden. Es gilt demnach, die Welt so einzurichten, dass wir uns künftig immer dort aufstellen und da hinsitzen, wo das Problem gerade nicht ist. Und das heißt, nicht einfach immer mehr aufzurüsten, mit mehr Aufwand gegen die immer gleichen Wände zu laufen; sondern umgekehrt die Sache auszutanzen, elegant zu umgehen und wenn es geht, ganz neu zu arrangieren. So bemerken wir besonders in Krisenzeiten wie der unseren, dass wir mit den üblichen Bordmitteln auch schon nicht mehr weiterkommen, weder bei Klima noch bei Corona. Und wir spüren, dass wir mit einer durchdachten Umstellung und grundsätzlichen Neuaufstellung viel mehr erreichen können als bisher. Es kann ja sein, dass aus Verzicht so über Nacht eine entscheidende Verbesserung wird. Disruption ist deshalb das Stichwort unserer Zeit. Vor Corona ist nicht nach Corona, vor Klima ist nicht nach Klima. Jede Unternehmerin und jeder Unternehmer hat das inzwischen verinnerlicht.
Womit hat es Design zu tun? Design kümmert sich vor allem um eines: sichtbar machen, wie man die Dinge und uns mittendrin besser aufstellt. Design ist also jene Disziplin, die vorstellbar macht, wie wir es vorteilhafter angehen, die das anschaulich macht und begreifbar. Design baut vor – im wahrsten Sinne des Wortes –, indem es Modelle und Prototypen entwickelt, Ansichten gibt und physisch begreiflich macht, wie etwas werden wird. Design hat es so gesehen ganz grundsätzlich mit Weltwahrnehmung zu tun, einer Welt, die als gestaltete auch immer mit dem Anspruch auftritt, grundsätzlich etwas zu beheben, was nicht gut ist. Design ist so auch immer noch ein Agent der klassischen Aufklärung, welche aus der Hoffnung heraus lebt, wir könnten manches in der Welt dauerhaft richten und entschlossen angehen. Design ist so gesehen eine gründlich durchdachte Weise, Zukunft begehbar zu machen.
Design ist zuletzt also eine besondere Form der Wahrnehmung – einer Welt, wie sie uns praktisch entgegenkommt, einer Welt, die aus der Zukunft kommt und einer Welt, die grundsätzlich besser sein sollte als das, was wir schon kennen.
